16.02.2009

Forschung öffnet der Braunkohle Perspektiven im In- und Ausland

EIN BEITRAG VON PROF. DR.-ING. HANS JOACHIM KRAUTZ, INHABER DES LEHRSTUHLS FÜR KRAFTWERKSTECHNIK AN DER BTU COTTBUS

Im Zusammenhang mit den Perspektiven der weiteren Nutzung der Braunkohle für eine moderne Energieversorgung gibt es in der aktuellen öffentlichen Diskussion sehr verschiedene Ansichten. Die Bandbreite der Meinungen dazu reicht von einer totalen Ablehnung, das heißt der Forderung nach sofortiger Schließung aller Tagebaue, bis hin zur vorbehaltlosen Weiterführung der derzeitigen Nutzungstechnologien.

„Alles oder nichts?“, ist das die Frage? Keineswegs. Es gilt, eine gleichzeitig vernünftige, verantwortungsvolle und wirtschaftliche Perspektive für die Braunkohle zu finden und umzusetzen. Wir brauchen eine Lösung, die die bekannten Nachteile der Braunkohlenutzung aufhebt und dadurch den Blick auf die Vorteile lenkt. An dieser Stelle kommt die Wissenschaft ins Spiel. Von ihr werden fundierte Technologien und Prozesstechniken erwartet, mit denen die Braunkohle umweltfreundlich und sauber zur Energie- und Wärmegewinnung genutzt werden kann.

Eine nachhaltige Zukunftslösung für die Energieversorgung umfasst einerseits eine höhere Energieeffizienz beim Energieverbrauch und darüber hinaus auch einen breiten Energiemix bei der Energieerzeugung. Hierzu gehört ohne Frage der weitere zielstrebige Ausbau der erneuerbaren Energien. Hierzu gehört aber auch die Entwicklung wirksamer Technologien zur CO2-armen und damit klimaschonenden Kohlenutzung.

Sowohl international als auch auf europäischer und nationaler Ebene zeichnet sich ganz klar ab, dass fossile Energieträger auch in der Zukunft unverzichtbar sind. So geht die Internationale Energie-Agentur (IEA) davon aus, dass sich der Weltenergieverbrauch – bei unveränderten politischen Rahmenbedingungen – bis 2030 um etwa 55 Prozent erhöht. In diesem Szenario steigt die globale Nachfrage nach Braun- und Steinkohle überproportional. Rund 30 Prozent der dann verbrauchten Energie wird aus Kohle gewonnen werden. Das ist eine Entwicklung, die wir in Deutschland nicht aufhalten können. In der Forschung sind wir bereits auf einem guten Weg und können Erfolge nachweisen. In der CCS-Technik beispielsweise, bei der das unerwünschte Kohlendioxid, das bei der Verstromung der Braunkohle entsteht, aufgefangen und eingelagert wird. Im Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe ist eine CCS-Pilotanlage in Betrieb genommen worden. Weitere Anlagen dieser Art werden folgen.

Wir sollten weiter offensiv an dieser Entwicklung mitarbeiten, also schnell die Chancen nutzen, die sich aus unseren wissenschaftlichen Erfolgen ergeben. Das hilft uns wirtschaftlich und wir unterstützen damit nachhaltig den Klimaschutz. Denn die Nutzung der Kohle mittels moderner, klimafreundlicher Technologien besitzt ein hohes Markteintrittspotenzial mit sehr hohen Umsatzerwartungen. Das klimaschonende Kohlekraftwerk, sei es für Braunkohle, sei es für Steinkohle, ist schon lange keine Vision mehr. Alle Fakten sprechen dafür, dass es in absehbarer Zeit ein reales Hightechprodukt mit guten Exportchancen sein wird.

Deutschlands Position in diesem Forschungsfeld ist im internationalen Vergleich gut, wenn nicht sogar sehr gut. Aber wir müssen uns beeilen. Der Zeitdruck bei dieser hochkomplexen Technologieentwicklung bleibt sehr groß. Und die Herausforderungen sind gewaltig. Deutsche Wissenschaft und Forschung hat vor allem für die Entwicklungsländer traditionell eine Leitfunktion. In diesen Ländern denkt man ganz selbstverständlich, dass Lösungen aus Deutschland kommen. Daraus resultiert natürlich ein enormer Erwartungsdruck auf die deutschen Wissenschaftler und Ingenieure. Aber diese Erwartungshaltung bietet auch eine große Chance: Einerseits können wir durch den Export unserer Technologie wirtschaftlich erfolgreich sein. Aber darüber hinaus können wir auch dafür sorgen, dass in Entwicklungsländern, von denen viele umwelttechnisch noch extrem rückständig sind, umwelt- und klimaschonende Technologien zum Einsatz kommen.

Entwicklungsländer, die über Braun- oder Steinkohlevorkommen verfügen, werden diesen Energieträger auf jeden Fall abbauen und nutzen. Diese Staaten sind in der Regel finanziell überhaupt nicht in der Lage, den Ausbau der erneuerbaren Energien nach deutschem Vorbild in großem Stil zu subventionieren. Wir helfen diesen Staaten am besten, indem wir ihnen bezahlbare klimafreundliche Technologien für die Kohlenutzung zur Verfügung stellen. Denn sie werden ihre Kohle nutzen, mit oder ohne deutsche CCS-Technologie.

„Made in Germany“ ist ein anerkanntes Markenzeichen. Davon habe ich mich in Entwicklungsländern selbst überzeugt. Aber wir müssen am Glanz dieser „Marke“ weiter arbeiten. Wir müssen auch in Deutschland davon überzeugt sein. Ideologische Scheuklappen behindern uns nur, wenn wir unser Ziel eines breiten Energiemix bei größtmöglicher Umweltentlastung erreichen wollen. Es gibt deshalb keinen Grund, auf Braunkohlekraftwerke zu verzichten.

Aktueller Expertenbeitrag

von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

Seit Jahren erweitert Deutschland den regenerativen Anteil an der Stromerzeugung.  mehr >>

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