08.12.2008

Wirtschaftsfaktor Braunkohle

Ein Beitrag von Dr. Axel J. Prümm, Bürgermeister der Stadt Grevenbroich

Bundeshauptstadt der Energie – mit diesem Titel wirbt Grevenbroich, weil unsere Stadt so eng mit dem Thema Energie verbunden ist wie kaum eine andere Kommune in Deutschland. Seit mehr als 100 Jahren wird hier Braunkohle gewonnen und in den Kraftwerken Frimmersdorf und Neurath zu elektrischer Energie umgewandelt.

Unsere Braunkohle ist als versorgungssicherer, wettbewerbsfähiger und subventionsfreier Rohstoff eine tragende Säule der Stromversorgung in Deutschland. Sie wird als fossiler Energieträger wegen ihrer Verfügbarkeit, ihres günstigen Preises und unter Berücksichtigung des weltweiten Hungers nach Energie ihre Bedeutung erhalten oder sogar noch ausbauen. Die wachsende Weltbevölkerung und der wirtschaftliche Nachholbedarf von Schwellenländern wie Indien und China lassen die Nachfrage nach allen Energieträgern steigen.

Auf der anderen Seite werden die fossilen Energieträger, insbesondere die Kohle, in Deutschland als schmutzige Energiequelle diskreditiert. Dies mag vor vielen Jahrzehnten auch so gewesen sein. Doch in den zurückliegenden Jahrzehnten sind gerade unsere Braunkohlekraftwerke „erwachsen“ geworden. Braunkohle sichert heute die Energie-Grundversorgung unseres Landes. Der Strom, der in unserer Region produziert wird, übersteigt den regionalen Bedarf um ein Vielfaches.

Die Gewinnung und Nutzung unserer Braunkohle basiert auf einem Ausgleich der Interessen. Hier ist vor allem das zwischen der Landesregierung und der Braunkohleindustrie vereinbarte Programm zur CO2-Minderung und Kraftwerkserneuerung zu nennen. Die Reduzierung der CO2-Emissionen ist vor dem Hintergrund des globalen Klimawandels eines der wichtigsten Ziele. Die Verringerung von CO2-Emissionen auf der einen Seite und der Bau neuer Kraftwerke auf der anderen Seite stellen keinen Widerspruch dar. Durch den Bau neuer Kraftwerke mit einer modernen und zukunftsweisenden Technik gelingt es den Versorgungsunternehmen, aktiv und konkret zum Umwelt- bzw. Klimaschutz beizutragen. Die Erreichung dieser Ziele muss durch klare gesetzliche Regelungen unterstützt werden. Dies gilt auch und besonders im Bereich des europaweiten Handels mit CO2-Emissionsrechten.

Die Braunkohleindustrie investiert derzeit in Grevenbroich-Neurath, Europas größter Baustelle, die enorme Summe von 2,2 Milliarden Euro in den Bau von zwei Braunkohlekraftwerksblöcken mit optimierter Anlagentechnik (BoA). Die beiden Kraftwerksblöcke werden eine Bruttoleistung von jeweils 1.100 Megawatt und einen nie gekannten Wirkungsgrad von über 43 Prozent haben. Damit kommt das modernste Braunkohlekraftwerk der Welt ins größte Braunkohlenrevier Europas. Mit der Inbetriebnahme der neuen Blöcke werden sechs 150-Megawatt-Blöcke im alten Kraftwerk Frimmersdorf stillgelegt. Damit werden bis zu sechs Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr eingespart. Diese Zusage seitens des Energieversorgers habe ich als Bürgermeister mit Unterstützung der hiesigen politischen Gremien mehrfach massiv eingefordert.

Durch die Verwirklichung hochmoderner Kraftwerkstechnik werden Stromerzeuger und Anlagenbauer in die Lage versetzt, ihre Technik in andere Länder zu exportieren. Der Export dieser Technik könnte zu einem Exportschlager für die deutsche Industrie werden und damit hier bei uns Arbeitsplätze sichern. Kritiker der neuen Kraftwerkstechnologie müssen erkennen, dass der Strom bei uns eben nicht einfach aus der Steckdose kommt.

Die Investitionen der Unternehmen der deutschen Braunkohleindustrie sichern langfristig Arbeitsplätze in Stadt und Region. Wir sind uns der nationalen Bedeutung unserer Bodenschätze bewusst und bereit, die sich aus der Gewinnung ergebenden Belastungen für viele Menschen in Deutschland und Europa zu übernehmen. Auf der einen Seite schaffen Bergbau und Stromerzeugung viele Arbeitsplätze. Darüber hinaus schafft die Braunkohleindustrie Voraussetzungen dafür, dass sich andere Industrien hier bei uns ansiedeln. An dieser Stelle nenne ich vor allem energieintensive Industriezweige wie die Aluminiumindustrie. Aber auch die große Anzahl der oft mittelständischen Zuliefererbetriebe ist an dieser Stelle zu nennen.

In Grevenbroich stimmen die Rahmenbedingungen. Allein auf der Baustelle in Neurath sind in Spitzenzeiten bis zu 4.000 Arbeitnehmer beschäftigt. Durch den Betrieb jedes neuen BoA-Blocks werden rund 1.000 Arbeitsplätze in den Tagebauen, der Verwaltung und natürlich in den Kraftwerken selbst gesichert. Diese Arbeitsplätze werden von Menschen aus der Region und selbstverständlich auch aus unserer Stadt besetzt.

Naturgemäß führt eine solch große Baustelle zu zusätzlichen Belastungen für die Menschen am Ort und in der Region. Zu den Nebenwirkungen eines Tagebau- und Kraftwerksbetriebs wie Staub und Verschattungen kommen in der Bauphase eine nicht unerhebliche Lärmbelästigung und ein deutlich erhöhtes Verkehrsaufkommen hinzu. Diese Tatsachen kann und will ich nicht wegdiskutieren. Dennoch habe ich den Betreiber als kooperativen Gesprächspartner kennen- und schätzen gelernt: bei der Minimierung der sich aus dem erhöhten Verkehr ergebenden Risiken und Belastungen oder bei der wirksamen Bekämpfung der Feinstaubniederschläge. Ich betone, dass ich immer wieder die Verantwortung der Wirtschaft für unsere Umwelt einfordere, aber auch zu meinem Statement stehe, dass Grevenbroich kein Luftkurort ist, sondern ein Industriestandort mit einer erfreulich niedrigen Arbeitslosenquote von derzeit 5,8 Prozent.

Die Bürger unserer Stadt kennen sowohl positive wie auch negative Seiten unserer Industrie. Die Bilanz unserer Bürger fällt eindeutig positiv aus. Als Bürgermeister setze ich mich für den Erhalt jedes einzelnen Arbeitsplatzes ein. Auch die heimische Wirtschaft in Form der hier ansässigen Betriebe, Zulieferer und Dienstleister zieht ihre Vorteile aus dem Energiestandort Grevenbroich. Die Menschen in unserer Stadt stehen mehrheitlich seit vielen Jahrzehnten hinter dem Energiestandort Grevenbroich.

Immer wieder engagieren sich die örtlichen Führungskräfte der Braunkohleindustrie für die Wirtschaft und Gesellschaft in der Stadt. Kraftwerksdirektor Dr. Eberhard Uhlig ist derzeit Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung für Grevenbroich, Rommerskirchen und Jüchen. Dort erlebt ihn die heimische Wirtschaft als kompetenten und kreativen Ansprechpartner. Mit dem – sowohl von Unternehmensseite als auch persönlich von ihm unterstützten – Pascal-Technikum werden jungen Gymnasialschülern technische Berufe nähergebracht. Innovation wird auch beim akademischen Nachwuchs groß- geschrieben. Im Rahmen des von mir zusammen mit der Bürgerstiftung Grevenbroich initiierten Studentenprojektes, in dem Studenten gegen Erstattung ihrer Semestergebühren entweder gemeinnützige Arbeit leisten oder ein örtliches Betriebspraktikum absolvieren, hat die RWE Power AG zahlreiche Stipendien und Praktika angeboten. Im Rahmen der Aktion „Ich pack das“ hat sich das Unternehmen auch für Hauptschüler im Rahmen ihrer Ausbildungsvorbereitung engagiert.

Viele Projekte, auch auf städtebaulichem Gebiet, werden in enger Zusammenarbeit mit der Braunkohleindustrie umgesetzt. Neue Baugebiete werden gemeinsam entwickelt, um familienfreundliche Grundstückspreise in einem attraktiven Wohngebiet zu ermöglichen. Ein gemeinsames interkommunales Industriegebiet trägt ebenso zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt bei wie das Projekt Gardenlands, das mithilfe von ausgekoppelter Wärme aus dem Kraftwerk Unterglasbetriebe für die regionale Gemüsezucht ansiedeln wird. Wir leben folglich mit und von der Energie, gewissermaßen in Symbiose mit der Braunkohle und den Kraftwerken. Dennoch stehen Teile der Bevölkerung dem Braunkohlenabbau, den bestehenden Kraftwerken sowie den Neubauprojekten nicht kritiklos gegenüber. Wir haben in unseren Forderungen klar formuliert: Vor Inbetriebnahme der neuen BoA-Blöcke müssen die aus den Fünfzigerjahren stammenden Kraftwerksblöcke mit hohem CO2-Ausstoß in Frimmersdorf vom Netz genommen werden.

Ich bin mir sicher, dass sich die verantwortlichen Politiker aus unserer Region weiterhin dafür einsetzen, dass hochmoderne Braunkohlekraftwerke ihren Platz in der Energieversorgung unseres Landes behalten und damit den heimischen Energieträger Braunkohle sichern. Ohne die Braunkohlegewinnung und die Kraftwerke wäre Grevenbroich nicht das, was es heute ist: ein wachsender, moderner Industriestandort, der auch für Unternehmen aus anderen Branchen als attraktiver Standort nachgefragt und angesehen wird.

Aktueller Expertenbeitrag

von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

Seit Jahren erweitert Deutschland den regenerativen Anteil an der Stromerzeugung.  mehr >>

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