01.12.2008

Braunkohle – aus Vernunft und Verantwortung

EIN BEITRAG VON PROF. DR. ULRICH BÜDENBENDER, INHABER DES LEHRSTUHLS FÜR BÜRGERLICHES RECHT, ARBEITSRECHT UND ENERGIEWIRTSCHAFTSRECHT AN DER TU DRESDEN

Wir haben uns in Deutschland und in der EU ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Wir wollen den schädlichen Klimawandel aufhalten. In einem ersten Schritt dahin sollen die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent sinken. Im Unterschied zu den meisten anderen politischen Zielen dient das Klimaschutzziel nicht der Befriedigung unmittelbarer sozialer oder ökonomischer Interessen. Es ist langfristig angelegt und basiert auf der Überzeugung, dass die, die heute leben, eine Verantwortung dafür tragen, dass unser Planet auch in 50 oder 100 Jahren noch bewohnbar und nutzbar sein wird.

Im Zuge der Klimapolitik soll auch die Energieeffizienz um 20 Prozent zunehmen. Aber selbst wenn dieses Ziel EU-weit erreicht würde, änderte es wenig daran, dass der Energieverbrauch auf der ganzen Welt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich zunehmen wird. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) rechnet in ihrem World Energy Outlook 2008 mit einer Steigerung der Energienachfrage bis 2030 um 45 Prozent. Der Weltenergierat geht sogar von einem Bedarfswachstum zwischen 70 und 100 Prozent bis zum Jahr 2050 aus. Die Gründe sind eine weiter zunehmende Weltbevölkerung und eine hohe Nachfrage aus großen Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien. Diese Länder haben einen Nachholbedarf in nahezu allen Lebensbereichen und werden trotz der aktuellen Wachstumsdelle weiter wachsen – mit einem großen Energiebedarf. Irgendwann werden auch die armen Länder dieser Welt aufholen und Strom für Licht, Kühlschränke, Computer und Gewerbebetriebe nachfragen. Das Szenario wird sich nicht ändern, aller erstrebenswerten Erhöhung der Energieeffizienz und allem Energiesparen zum Trotz.

Angesichts der Klimaziele und des stetig steigenden Energiebedarfs ist der verantwortliche Umgang mit den vorhandenen Energieträgern unerlässlich. Diese Verantwortung gebietet es auch, die heimische Braunkohle zur Energiegewinnung zu nutzen. Wenn wir die Braunkohle in der Erde ließen, schadeten wir nicht nur den nachfolgenden Generationen, sondern auch den Schwellenländern, weil wir deren Energievorkommen aufzehrten statt unsere eigenen. Braunkohleförderung ist also aus ethischer Sicht geboten.

Die fossilen Energieträger wie Kohle, Öl und Gas haben Hunderte von Millionen Jahren für ihre Entstehung gebraucht. Die Menschen fördern diese Rohstoffe erst seit gut 100 Jahren in großem Maßstab. Die Abbaugeschwindigkeit nimmt stetig zu. In spätestens 200 Jahren werden die Vorräte aufgebraucht sein. Sie sind also begrenzt, auch wenn immer neue Öl- und Gasvorkommen gefunden werden. Fazit: Mit einem Wimpernschlag der Menschheitsgeschichte verbrauchen wir unsere fossilen Energieträger, gleichzeitig nimmt der Energiebedarf unaufhaltsam zu. Wir haben daher eine hohe Verantwortung. Wir müssen für Verteilungsgerechtigkeit sorgen und damit für einen entsprechenden Energiemix – im Interesse der gesamten Weltbevölkerung und nachfolgender Generationen. Im Lichte dieser Gesamtverantwortung ist es unvertretbar, die heimische Braunkohle einfach liegen zu lassen, die nötige Energie aus anderen Ländern zu beziehen und sie dadurch anderen quasi wegzunehmen.

Die Förderung der Braunkohle hat überdies einen weiteren Vorteil: Sie ist ein heimischer und der einzig wettbewerbsfähige Energieträger. Etwa elf Prozent des Primärenergieverbrauchs werden durch sie gedeckt. Bei der Nettostromversorgung hat sie sogar einen Anteil von einem Viertel Die Braunkohle trägt damit in erheblichem Maße zur Versorgungssicherheit wie auch zur Preiswürdigkeit der Stromwirtschaft bei. Das ist ein entscheidender Vorteil in einer Situation, in der die Abhängigkeit Deutschlands von Energie-Einfuhren kontinuierlich zunimmt.

Unbestreitbar gibt es auch Probleme mit der Braunkohle. Die beiden wichtigsten sind die CO2-Umweltbelastungen bei der Verstromung und die abbaubedingten gravierenden Eingriffe in die Landschaft. Diese Probleme werden angegangen. Beim Thema CO2 arbeitet die Forschung daran, das Gas aufzufangen und unter der Erde einzulagern. Mit dem Kraftwerk Schwarze Pumpe ist im September 2008 in der Lausitz eine viel- versprechende Pilotanlage ans Netz gegangen. Schon jetzt gibt es konkrete Planungen für Anschlussprojekte an verschiedenen Standorten. Noch ist das Ganze nicht wirtschaftlich. Deshalb muss mit Hochdruck – und auch mit öffentlichen Forschungsmitteln – an einer wettbewerbsfähigen Kraftwerkstechnologie gearbeitet werden.

Das zweite Problem, die Landschaftsveränderung, ist dagegen schon weitgehend gelöst. Es gibt inzwischen gute Erfahrungen mit der Rekultivierung. Viele Landstriche sehen nach dem Abbau der Braunkohle und gelungener Rekultivierung attraktiver aus als vorher. Sie bieten der Bevölkerung beispielsweise durch neu geschaffene Seen zusätzliche Freizeitmöglichkeiten.

Die Braunkohleförderung macht deutlich: Es besteht Deckungsgleichheit zwischen ethischem Handeln und dem vernünftigen Streben nach Versorgungssicherheit. Nur dann, wenn man tatsächlich alle Aspekte verschiedener Energiestrategien betrachtet, wird man dem Anspruch an sachgerechtes Handeln in wahrgenommener Verantwortung gerecht. Ein isoliert-kritisches Herauspicken einzelner Aspekte ohne ganzheitliche Betrachtung aller Konsequenzen, wie es leider in energiepolitischen Diskussionen immer wieder vorkommt, ist mit Nachdruck abzulehnen. Für Braunkohle folgt daraus, dass sie einen angemessenen Platz im deutschen Energiemix behalten muss.

Aktueller Expertenbeitrag

von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

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