26.11.2008

Verantwortung und Realismus in der Energiewirtschaft

Ein Beitrag von Uwe Barthel, Vorstandsmitglied der Stadtwerke Chemnitz AG

Die Ofenbranche erlebt einen frappierenden Aufschwung. Hochkonjunktur für Festbrennstoffe aus heimischen Wäldern und Braunkohletagebauen auch in privaten Haushalten. Wer hätte das gedacht? Und diese Entwicklung findet in einer Zeit statt, in der die Solarindustrie mit immer neuen Effizienzfortschritten ihrer Fotovoltaikmodule glänzt, wo Elektroenergie aus Windparks gigantische Zuwachsraten erzielt, wo elektrische Speichermedien traumhafte Kapazitäten erreichen.

Spielen Wirtschaft und Verbraucher verrückt? Sind die Regeln klugen Wirtschaftens und ökologischer Verantwortung außer Kraft gesetzt?

In der Verantwortung für ein Energiedienstleistungsunternehmen stehend, das immerhin gut 200.000 Kunden mit Strom, Wärme – vor allem Fernwärme – und Erdgas bedient, und als Mitglied im Energiebeirat Sachsens sehe ich darin nur einen scheinbaren Widerspruch. Doch der Reihe nach. Gerade wir Energiedienstleister werden in besonders hohem Maße mit ökologischem Argwohn beobachtet. Das gilt umso mehr, wenn man wie die Stadtwerke Chemnitz AG der Braunkohle bei den Primärenergieträgern bis heute und zumindest mittelfristig – etwa 15 bis 20 Jahre – Dominanz einräumt. Und weil man uns kilometerweit durch unseren Kraftwerksschornstein, den höchsten der Region, wahrnimmt.

Dessen ungeachtet verstehen wir uns auch und vor allem als Umwelt-Dienstleister, der viel mehr für eine nachhaltige und effiziente Energieerzeugung tut, als manch einem bekannt oder bewusst ist. Aus unserem 300-Meter-Riesen entweicht seit Jahren nur noch gründlich gereinigtes und entschwefeltes Rauchgas. Dafür sorgt eine leistungsfähige Reinigungsanlage im Zusammenwirken mit starken Elektrofiltern. Außerdem erlaubt die Leittechnik eine durchgängig optimierte Steuerung der Anlage.

Vor wenigen Wochen haben wir unsere Brennstoffversorgung aus einheimischen Braunkohlerevieren für die nächsten Jahre sichergestellt. Wenn wir uns zur Braunkohle als wichtigstem energetischem Standbein bekennen, dann verweisen wir nachdrücklich darauf, dass unser Heizkraftwerk nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung arbeitet, was energetisch und ökologisch beachtliche Vorzüge hat. Aus guten Gründen hat sich der Bund bei seiner Energiepolitik für eine Begünstigung dieses Verfahrens entschieden.

Verantwortung in der Energiewirtschaft zu tragen, zumal in einem mehrheitlich der Kommune und damit allen Bürgern gehörenden Unternehmen, verlangt meines Erachtens, konsequent Realismus walten zu lassen. Realismus wiederum braucht Kompromissbereitschaft. Selbstverständlich kann man von Ideallösungen träumen und man sollte danach streben, neue Wege einzuschlagen. Aber Strom und Wärme kann nur bereitstellen, wer über die erforderlichen Mengen an Primärenergie verfügt, und das zu marktfähigen Einkaufspreisen. Für uns ist das in erster Linie die Braunkohle, ergänzt durch einen Mix aus Erdgas, Solarstrom und Biogas.

Der Käufer eines klassischen Ofens hat für seinen Kauf, vom Romantikeffekt eines Kaminfeuers einmal abgesehen, völlig akzeptable Gründe. Er stellt seine Versorgung mit Wärmeenergie aus wirtschaftlichen und verfügbaren Energiequellen sicher. Umweltauflagen muss er sich beugen. Das wird bekanntlich kontrolliert. Aber die Ofentechnik für den Hausgebrauch ist ja deutlich vorangeschritten.

Auch bei uns geht die Entwicklung bei der Kohleverbrennung weiter. Es finden Brennerumrüstungen für die weitere Absenkung der Stickoxidemissionen statt. Wir stecken beachtliche Investitionen in Effizienz und Umweltschutz, etwa für Temperatur- und Druckabsenkung im Fernwärmenetz zur Minimierung der Wärmeverluste. Aktuelle Planungen gelten der großstädtischen Wärmeversorgung auf Basis von Bioenergie – unter Nutzung vorhandener Infrastruktur, also der bestehenden Anlagen und Netze.

Man schaue bitte bei uns wie bei anderen Stadtwerken genau hin, was neben diesen Maßnahmen zur effizienten Nutzung fossiler Brennstoffe für die Erschließung alternativer Energiequellen geschieht. Mit einem Blockheizkraftwerk etwa gewinnen wir Strom und Wärme aus der Biomasse der Zentralen Kläranlage Chemnitz. Mit bisher zwei Brennstoffzellen-Pilotanlagen ermöglichen wir schulischen und Freizeiteinrichtungen die Stromgewinnung und unterstützen die Forschung der Technischen Universität Chemnitz. Mit einer maßstabsetzenden Holzpellet-Anlage beheizen wir ein Wohngebiet im Erzgebirge.

Mit Solarkraftwerken erzeugen wir Strom auf einer großen Freifläche, auf Dächern und – mitten in der City – an einer Parkhausfassade. Und die Aufzählung kann weitergehen: über die FCKW-freie Kälteproduktion und Kältespeicherung für die Klimatisierung öffentlicher Gebäude bis hin zur Unterstützung des Wechsels zu Erdgasautos.

Ich muss hier sicherlich nicht ausführen, welch große generelle Bedeutung die Braunkohle in Deutschland hat, als wichtigster fossiler Energieträger, aber auch für den Arbeitsmarkt – mit etwa 50.000 Arbeitsplätzen im eigenen Land. Braunkohle braucht auch keine Pipeline durch Krisengebiete. Einer seriösen Quelle zufolge verfügt Deutschland über beträchtliche Braunkohlevorräte, von denen große Teile als wirtschaftlich gewinnbar gelten. Allein die in den genehmigten Tagebauen verfügbare Braunkohle reicht für rund 35 Jahre.

Ich bin Feuer und Flamme für einen raschen, nachhaltigen Umbau unserer Energieversorgung und bekenne mich zu dem Ziel, fossile Energieträger so bald als möglich völlig abzulösen. Aber bis dahin müssen wir mit „altmodischer“ Braunkohle auf intelligente Weise für Feuer und Flamme sorgen.

Aktueller Expertenbeitrag

von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

Seit Jahren erweitert Deutschland den regenerativen Anteil an der Stromerzeugung.  mehr >>

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