Ulrich Grillo

Ulrich Grillo, Präsident der WirtschaftsVereinigung Metalle

Ulrich Grillo, Präsident der WirtschaftsVereinigung Metalle

Die Versorgung der deutschen Industrie mit Rohstoffen und Strom zu wettbewerbsfähigen Bedingungen liegt im gesamteuropäischen Interesse. Deutschland ist die Herzkammer der europäischen Industrie. Von zentraler Bedeutung ist daher eine sichere Stromversorgung, auch mit Braunkohle.

Deutschland ist ein lebendiger und facettenreicher Industriestandort. Wir sind Exportweltmeister, weil unsere industriell gefertigten Produkte den Maßstab setzen: bei Qualität, Zuverlässigkeit, Effizienz und Innovation. Unsere Produkte behaupten sich erfolgreich auf dem internationalen Markt, da wir einiges an technischem Know-how zu bieten haben. Dieses Know-how haben sich Forschung und Industrie gemeinsam erarbeitet. Es wird uns helfen, gegenüber neuen, aufstrebenden Wirtschaftsräumen zu bestehen.

Damit unsere industriellen Produkte auch weiterhin konkurrenzfähig bleiben, muss der Industriestandort Deutschland gestärkt werden. Denn die Welt verändert sich. Nicht nur China, auch Russland und andere Länder richten ihre Wirtschaftspolitik auf das Ziel aus, sich ihren strategischen Zugang zu Rohstoffen mit massiver politischer Unterstützung zu sichern. Das verzerrt den internationalen Wettbewerb speziell der rohstoff- und energieintensiven Unternehmen wie der Metall- und der chemischen Industrie und beeinflusst ihre Standortwahl.

Von entscheidender Bedeutung für unsere Industrien sind eine gesicherte Stromversorgung sowie im internationalen Maßstab wettbewerbsfähige Energie- und Rohstoffpreise. Ohne ausreichende Energie und insbesondere ohne unseren heimischen Bodenschatz Kohle wäre eine wirtschaftlich erfolgreiche Industrialisierung Deutschlands gar nicht möglich gewesen. An den häufigen Stromausfällen in China kann man sehen, was geschieht, wenn die Energieversorgung nicht mehr mit dem industriellen Wachstum Schritt halten kann.

Wenn wir in Deutschland keine Kohlekraftwerke mehr wollen, die Bergwerke und zudem noch die Kernkraftwerke schließen, sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen. Etwa die Hälfte unseres Strombedarfs entfällt auf die Industrie – bei höchster Energieeffizienz (siehe Grafik). Aber nicht nur die Industrie, wir alle brauchen Grundlastkraftwerke, die uns zuverlässig versorgen. Ohne sie ist auch der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht möglich. Zumindest für die nächsten Jahrzehnte bleiben wir auf einen ausgewogenen Energiemix einschließlich der Kohle angewiesen. Selbstverständlich, indem wir diesen so klimaschonend wie möglich nutzen und die Technologien dazu weiterentwickeln – Technologien übrigens, die nicht zuletzt selbst ein großes Exportpotenzial haben.


Grafik

Die Sicherheit der Energieversorgung ist das eine. Genauso wichtig für den Industriestandort Deutschland sind wettbewerbsfähige Strom- und Rohstoffpreise. Dabei geht es der Industrie weniger um die Höhe dieser Preise. Wenn die Stromkosten beispielsweise in der NE-Metallerzeugung bis zu 50 % der Gesamtkosten ausmachen, ist für die Wettbewerbsfähigkeit die internationale Vergleichbarkeit der Strompreise entscheidend. Und da etwa Frankreich oder Spanien ihrer Industrie spezielle Strompreise anbieten, haben wir hier in Deutschland natürlich einen großen Wettbewerbsnachteil. Ebenso brisant ist die Versorgung bei den metallischen oder mineralischen Rohstoffen, die wir fast gänzlich importieren müssen.

Damit die Rohstoffpreise einheitlich bleiben und nicht durch Import- oder Exportzölle einzelner Länder verzerrt werden können, sind wir auf einen freien Welthandel mit Rohstoffen angewiesen. Wenn die Wettbewerber die marktverzerrende Subventionierung ihrer Industrien nicht einstellen, brauchen auch wir hier für die energieintensive Industrie günstigen Industriestrom und eine Kompensation der CO2-Einpreisung infolge des Emissionszertifikatehandels.

Freilich könnte man auf die Idee kommen, in Deutschland etwa auf die Nichteisen-Metallhütten oder die Stahlindustrie zu verzichten. Damit wären die großen Strom- und Rohstoffverbraucher aus dem Rennen. Dann allerdings würden in Deutschland langfristig beispielsweise auch keine Autos mehr gebaut werden. Denn die energieintensive Industrie steht am Anfang einer langen Wertschöpfungskette. In einem Land, das arm an metallischen Rohstoffen ist, sind wir auf die Stufe der industriellen Rohstoffverarbeiter angewiesen – zumal wir reich an Braunkohle sind und die Stromversorgung sichern können. Allein von Dichtern, Denkern und Dienstleistern kann Deutschland nicht leben.

Fünf Fragen an Ulrich Grillo

Herr Ulrich Grillo, Energie und Rohstoffe sind heute zentrale Problembereiche für die Wirtschafts- und Geopolitik. Wie war das zu den Zeiten Ihres Vorfahren und Firmengründers Wilhelm Grillo?

Die Versorgung der deutschen Industrie mit energetischen und nicht energetischen Rohstoffen war schon immer eine der zentralen Grundvoraussetzungen für die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und Grundlage für die Entwicklung unseres Wohlstandes. Ohne die Versorgung mit heimischer Kohle beispielsweise wäre die Entstehung des Ruhrgebietes und damit die Industrialisierung Deutschlands undenkbar gewesen. Bei metallischen Rohstoffen waren wir schon immer zu großen Teilen von Importen abhängig. Daher stand und steht das Thema Sicherheit der Rohstoffversorgung zu wettbewerbsfähigen Bedingungen damals wie heute ganz oben auf der Prioritätenliste.

Seit einigen Jahren erlebt das Thema Rohstoffversorgungssicherheit eine Renaissance im öffentlichen Bewusstsein. Manche Medien titeln bereits den „Beginn des zweiten Kalten Krieges – des Kampfes um Rohstoffe”. Wie sehen Sie die Situation?

Die seit einigen Jahren sich rasant beschleunigende internationale Arbeitsteilung hat zur Entstehung neuer Mitspieler wie China, Indien oder Russland geführt. Leider müssen wir beobachten, dass diese Länder sich bei der Versorgung ihres Landes und ihrer Wirtschaft mit Rohstoffen nicht immer an die gemeinsamen Spielregeln halten. Die Europäische Kommission hat in ihrem jüngsten Bericht zur Rohstoffsituation insgesamt 450 Handels- und Wettbewerbsverzerrungen für mehr als 400 verschiedene Rohstoffe identifiziert, die den freien Handel zum Teil massiv behindern und die Versorgungssicherheit Europas gefährden. Die Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette sind gravierend: Wenn wir kein Öl mehr haben, fahren unsere Autos nicht mehr. Wenn wir jedoch keine Rohstoffe, v. a. keine Metalle, mehr haben, dann produzieren wir keine Autos mehr.

Ist die Versorgung der Unternehmen mit Rohstoffen nicht in erster Linie die Aufgabe der Unternehmen selbst?

Doch, da diese Handels- und Wettbewerbsverzerrungen aber zumeist staatlich initiiert oder gestützt werden, z.B. durch unverhältnismäßig hohe Zollsätze oder Subventionen, brauchen die Unternehmen die Unterstützung der Politik, denn nur sie kann dafür sorgen, dass die internationalen Spielregeln eingehalten werden. Wir sind seit einigen Jahren deshalb in intensiven Gesprächen mit der Bundesregierung und der EU-Kommission und begrüßen die im letzten Jahr auf dem BDI-Rohstoffkongress seitens der Bundesregierung und Mitte November 2008 durch EU-Vizepräsident Günter Verheugen in Berlin vorgestellten Initiativen zur Verbesserung der Rohstoffversorgung.

Sie erwähnen die Bedeutung der energieintensiven Industrien für die Wertschöpfungskette in Deutschland. Mit welchen Folgen müsste man im Falle einer Abwanderung dieser Industrien rechnen?

Die Folgen wären fatal – bis hin zum Bruch der Wertschöpfungskette und der strategischen Abhängigkeit Deutschlands von geo- und machtpolitischen Interessen rohstoffreicher Länder. Spätestens seit dem Beben, das die Finanzkrise weltweit ausgelöst hat, muss die Politik endgültig erkennen, dass Europa eine wettbewerbsfähige Industrie braucht, um seinen Wohlstand nachhaltig zu sichern. Deutschland braucht eine starke und wettbewerbsfähige Industrie. Die energieintensiven Industrien stehen am Anfang der industriellen Wertschöpfungskette und nehmen innerhalb des verarbeitenden Gewerbes eine Schlüsselposition ein. Sie stellen Aluminium, Kupfer und Zink, Dämm- und Kunststoffe, Papier, Glas und Stahl oder Zement, Kalk und Keramik her. Damit liefern sie unverzichtbare Grund- und Werkstoffe für die Automobil-, Luftfahrt-, Elektro-, Druckerei- und Verpackungsindustrie sowie den Maschinenbau und die Bauwirtschaft. Lohnt sich die Produktion dieser Stoffe in Europa aufgrund der Belastungen durch den Emissionshandel nicht mehr, ist davon auch die weitere Wertschöpfungskette bedroht. Die energieintensiven Industrien haben in der Vergangenheit bereits stark in moderne Produktionstechniken investiert und damit viel für den Klimaschutz getan.

Inwiefern?

Zwischen 1990 und 2006 reduzierten die energieintensiven Industrien CO2- Emissionen um insgesamt 20 Prozent. Darüber hinaus tragen sie mit ihren Produkten in vielen Bereichen zum Klimaschutz bei: Energieeffiziente Gebäude, Fahrzeuge und Haushaltsgeräte werden ebenso wie Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien durch die Grund- und Werkstoffe der energieintensiven Industrien erst möglich. Wir können mit einem 3-D-Modell von Dichtern, Denkern und Dienstleistern in Deutschland und Europa dauerhaft nicht überleben. Die Politik ist in der Pflicht, Rahmenbedingungen zu schaffen, die unsere Industrie erhalten und Arbeitsplätze sichern. Wir benötigen daher eine gesicherte Rohstoff- und Energieversorgung und im internationalen Maßstab wettbewerbsfähige Strompreise.