28.10.2008

Das Kreuz mit der Kommunikation

Ein Beitrag von Prof. Dr. Dieter Oesterwind, Leiter des Zentrums für Innovative Energiesysteme (ZIES) an der Fachhochschule Düsseldorf

Das Zentrum für Innovative Energiesysteme an der Fachhochschule Düsseldorf veranstaltete unlängst eine Podiumsdiskussion über die zukünftige Energieversorgungsstruktur in Deutschland. Es nahmen die energiepolitischen Sprecher aller großen politischen Parteien teil. Zu Beginn der Diskussion stellte jeder sein energiepolitisches Zukunftskonzept vor. Nach einer Weile wagte ein Student den Zwischenruf: „Ich verstehe nichts mehr. Mir kommt das hier so vor, als redet der eine über den Muttertag in Afrika und der andere über die Essgewohnheiten der Inuit in Grönland. Und ein jeder von Ihnen will uns sagen, dass die Energieversorgung gesichert ist.“ Diese Meinungsäußerung trifft die gegenwärtige und breite Verunsicherung in der Bevölkerung meiner Ansicht nach recht gut. Was sind die Ursachen?

Einerseits gab es in der Menschheitsgeschichte noch nie eine so große Vielfalt von Energietechniken, um unsere Energie- und Umweltprobleme zu lösen, andererseits sind wir von einem umsetzbaren Konzept – politisch betrachtet – Lichtjahre entfernt. Nicht mangelnde technische Möglichkeiten sind das Problem, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Lösungen. Ein dünner gesellschaftlicher Konsens besteht gerade noch darin, dass unser Energieangebot versorgungssicher, wirtschaftlich und klimaverträglich sein soll. Nun wissen wir aber, dass eine einzelne Energietechnik oder ein einzelner Energieträger alle drei Ziele niemals hundertprozentig erfüllen kann. Eine solche Technik oder einen solchen Energieträger gab es in der Vergangenheit nicht und wird es wahrscheinlich auch in der Zukunft nicht geben.

Einen Königsweg haben wir also nicht. Wie im täglichen Leben, so geht es auch in der Politik um die Minimierung des Bedauerns. Hier beginnt das erste Dilemma. Und das zweite Dilemma besteht darin, sich als Gesellschaft dieses einzugestehen. Das ist aber nicht möglich, weil die Informationen, die in die Öffentlichkeit gelangen, zu bruchstückhaft oder zu sehr interessengeleitet sind. Seit geraumer Zeit haben die sanften, regenerativen Energien die öffentliche Sympathiehoheit. Wer möchte keinen Sonnenstaat? Ich behaupte, wohl alle 82 Millionen Bürger in unserem Lande. Der Wunsch ist nachvollziehbar, doch hat er wenig mit der Realität zu tun. Dies den Bürgern zu erklären, ist schwierig. Zu viele Stimmen aus Politik, Unternehmen und Verbänden verklären gerne das Wunschbild zur baldigen Realität. Zudem können sich die Bürger aus der unklaren Darstellung durch die heterogene Zunft der Wissenschaftler und aus den unterschiedlichen Sichtweisen der Medien keine klare Meinung bilden.

Woher kommt die große Meinungsvielfalt? Rational betrachtet kann man für jede Energietechnik (Energieträger) ein Stärken-Schwächen-Profil erstellen und ihr anschließend einen gebührenden Platz in der Energieversorgungsstruktur (z. B. im Kraftwerksmix) zuweisen. Doch der Diskussionsteilnehmer lernt schnell, dass diese „naive Vorgehensweise“ zum Scheitern verurteilt ist. Es geht schon länger nicht mehr um eine sichere Versorgung, einen bezahlbaren Strompreis und um die Schonung der Natur. Wer dies glaubt und daran in Wissenschaft oder Unternehmen täglich arbeitet, ist ein optimistischer Fantast, der die nachfolgend aufgeführten Motive vieler Kritiker nicht erkennt.

  • Die Einschätzung der potenziellen Schäden von Techniken ist aufgrund der subjektiven Risikowahrnehmung der Laien meistens höher als die von Experten errechnete, rationale Eintrittswahrscheinlichkeit. Die daraus resultierende Angst der Laien führt zur Ablehnung bestimmter Techniken, insbesondere von komplexen Großtechnologien.
  • Großtechnologien werden von großen Unternehmen entwickelt und betrieben. Da diese in der Öffentlichkeit aber häufig ein negatives Bild haben, werden die Großtechniken abgelehnt, obwohl das eigentliche Ziel der Ablehnung die Großunternehmen sind. Sie stehen als Sinnbild für eine Wirtschafts- und Lebensform, die nicht von allen Bürgern geschätzt wird.
  • Bürgerproteste richten sich mittlerweile aber nicht nur gegen große Kraftwerke, sondern auch gegen Hochspannungsleitungen, Pipelines, Windanlagen und anderes mehr. Ursache hierfür ist das narzisstische Verhalten vieler Bürger, die zwar die Energie nutzen wollen, aber keine Anlage vor ihrer Haustür sehen möchten.


Neben den Motiven vieler Kritiker gibt es weitere Stimmen im Energiediskurs:

  • Die Standhaftigkeit der Politik bis hinunter zur Lokalebene ist ebenfalls ein Problem. Räuspert sich der sibirische Bär, erschallt der hysterische Ruf : „Weg vom Erdgas!“ Werden stattdessen Kohlekraftwerke geplant, ertönt es landauf und landab: „Weg mit den Fossilis!“
  • Zudem gibt es zunehmend Partikularinteressen, zum Beispiel hoch subventionierte Arbeitsplätze im Bau von regenerativen Energieanlagen. Hier wird dann mehr für Arbeitsplätze als für eine effiziente Klimaschutzpolitik gekämpft.


Aber auch die Energieversorgungsunternehmen tragen zur Verunsicherung in der Öffentlichkeit bei. Verpassen die Marketingabteilungen einerseits den Unternehmen ein grünes Image und preisen den Prototypbau von regenerativen Anlagen als Einstieg in eine neue Energiezukunft, kämpfen andererseits die Presseabteilungen für die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke.

Dies sind alles keine Neuigkeiten. Doch solange Meinungspluralität, Risikoängste und Einzelinteressen ein undurchdringliches Geflecht bilden, bleibt eine rationale Energiepolitik Utopie.

Die Energienachfrage ist in Deutschland groß genug, um jeder Energietechnik (Energieträger) im Rahmen des Versorgungsdreiecks (Versorgungssicherheit–Wirtschaftlichkeit–Umwelt) einen vernünftigen Platz zuzuweisen. Doch von dieser Aufklärung sind wir noch weit entfernt.

Aktueller Expertenbeitrag

von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

Seit Jahren erweitert Deutschland den regenerativen Anteil an der Stromerzeugung.  mehr >>

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