27.10.2008

Klimaschutz und Kraftwerkstechnik

EIN BEITRAG VON DR.-ING. GERT RIEMENSCHNEIDER, GESCHÄFTSFÜHRER DER FISIA BABCOCK ENVIRONMENT GMBH

Die Größe unseres heimischen Energiemarktes ist bemerkenswert stabil. Pro Jahr werden je nach Witterungsverlauf und Konjunktur Primärenergien in Höhe von 480 bis 500 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten benötigt. Auch die Struktur des Energiemarktes ändert sich nur in größeren Zeiträumen. Gut zwei Jahrzehnte hat es gedauert, bis die erneuerbaren Energien etwa 7 Prozent des Gesamtverbrauchs decken konnten. Würde man ausschließlich den Marktkräften vertrauen und auf besondere Fördermaßnahmen verzichten, wäre der Anteil vermutlich noch kleiner geblieben.

Für Veränderungen auf dem Energiemarkt sorgen vornehmlich Politik und Gesellschaft. Jeder auf seine Art und mit unterschiedlicher Dynamik und Konsequenz. Nach Ablauf der gesetzlich festgeschriebenen Restlaufzeiten für unsere Kernkraftwerke wird ein beträchtliches Stück aus dem Energiemix gelöst werden. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sorgt dafür, dass ein Teil dieser Lücke durch Strom aus Sonne, Wind und Wasser ersetzt wird. Das gesetzlich beschlossene Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus vergrößert unsere Abhängigkeit von Energieimporten. Importiertes Gas und das unstete Angebot erneuerbarer Energien können hier nur bedingt ausgleichen.

Die Zahl von Bürgern, die Energietechnik und bestimmte Energieträger als Risiko betrachten, wächst bedenklich schnell. Notwendige Projekte zur Umwandlung von Primärenergien in Strom, die Nutzung von Abfällen zur Strom- und Wärmeversorgung, die Verlegung neuer Gas- und Stromleitungen, ja selbst das massenweise Auftreten von Windenergieanlagen stoßen immer öfter auf Ablehnung.

Massive politische Steuerung und gesellschaftlich unbewältigte Ängste sind schlechte Ratgeber für ein schlüssiges und notwendiges Energiekonzept, das uns Sicherheit, Wohlstand und eine saubere Umwelt bieten soll. Als erfahrener Techniker schätze ich die Herausforderungen, die die Nutzung unserer fossilen und erneuerbaren Energieressourcen uns stellen, als lösbar ein. Innerhalb einer Anlagengeneration ist es gelungen, aus einem Kilogramm Kohle 40 Prozent mehr Strom zu gewinnen. Moderne Gas- und Dampfturbinenkraftwerke können im reinen Verstromungsprozess Wirkungsgrade von über 60 Prozent erreichen. Anspruchsvolle technische Lösungen entstehen immer dann, wenn Herausforderungen aktiv angenommen werden.

Als Land mit hoher Lebensqualität erzeugt Deutschland eine bedeutende Abfall- und Reststoffmenge. Es ist gelungen, diese Mengen ressourcenschonend und umweltgerecht zu bewirtschaften. Viele Stoffe werden heute in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt. Die thermische Abfallverbrennung ist nicht nur eine Säule der nationalen Abfallpolitik. Sie leistet auch einen Beitrag zur Energiesicherheit und senkt aufgrund des hohen Anteils biogener Bestandteile den Ausstoß klimaschädlicher Spurengase.

Als Land mit begrenzten und schwierig zu erreichenden Rohstoffvorräten haben wir nicht nur eine technologisch führende Bergbautechnik entwickelt, sondern einen der modernsten und vielfältigsten Kraftwerkparks auf der Welt. Als Land mit den zweitgrößten Braunkohlevorräten der Welt stellen wir uns seit eh und je der ökonomischen und technologischen Herausforderung, diesen Bodenschatz umweltgerecht zu gewinnen und zu nutzen. Die Wertschätzung der eigenen Ressourcen motivierte Techniker und Bergleute zu modernen Anlagen und Konzepten. Die aktuell im Bau befindliche Kraftwerksgeneration ist weltweit führend, bei vielen Komponenten sogar zukunftsweisend.

Als Land mit dem Willen, im Klimaschutz auch künftig eine Vorreiterrolle zu spielen, errichten wir als weltweit erste Volkswirtschaft Kraftwerke mit integrierter CO2-Abscheidung. Die Erprobung dieser neuen Klimaschutztechnik hat im September 2008 begonnen. Gelingt der Kompromiss aus Wirtschaftlichkeit und Klimavorsorge in großtechnischem Maßstab, leisten wir damit möglicherweise den nachhaltigsten Beitrag zum Klimaschutz.

Wir können uns eine breite Palette von Energieträgern und Energietechniken leisten, weil wir die Problemlösungskompetenz für uns und andere haben. Eine Verschlankung unserer Rohstoffbasis führt zum Verlust von Lösungskompetenz und damit zu Nachteilen für Mensch und Umwelt.

Aktueller Expertenbeitrag

von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

Seit Jahren erweitert Deutschland den regenerativen Anteil an der Stromerzeugung.  mehr >>

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