Dr. Frank Umbach

Dr. Frank Umbach, Experte für internationale Energiesicherheit am Centre for European Security Strategies

Dr. Frank Umbach, Experte für internationale Energiesicherheit am Centre for European Security Strategies

Die künftige Machtverschiebung auf den internationalen Kohlemärkten erhöht zusätzlich die geopolitischen Risiken unserer Energieversorgung. Durch den Doppelausstieg aus der Kernenergie und der Steinkohlenförderung wird daher die heimische Braunkohle für die Versorgungssicherheit Deutschlands noch wichtiger.

Bis zum russisch-ukrainischen Gaskonflikt 2006 wurde dem Faktor Versorgungssicherheit im energiepolitischen Zieldreieck „Wirtschaftlichkeit – Umwelt- bzw. Klimaschutz – Versorgungssicherheit“ keine große Beachtung geschenkt. Auch bei der Kohlediskussion in Deutschland sind die jüngsten globalen und europäischen Energietrends bisher mehrheitlich außer Acht geblieben. Angesichts der internationalen Energieentwicklungen ist die Vorstellung einer „Insel Deutschland“ jedoch eine Illusion. Die EU hat bereits Ende 2000 vor Lücken in der Energiesicherheit aufgrund einer abnehmenden Produktion von Erdöl und Erdgas in der Nordsee gewarnt. Darüber hinaus wird weltweit eine Zunahme terroristischer Angriffe auf Pipelines, Energieinfrastruktur, Transportwege und Tanker registriert, wodurch der Energieimport zusätzlichen Bedrohungen ausgesetzt ist. Fragen der Versorgungssicherheit, der wachsenden Abhängigkeit von Energieimporten aus politisch instabilen Ländern sowie die Notwendigkeit einer Diversifizierung von Energieträgern und -importen stehen auf der Tagesordnung der EU somit an höchster Stelle.

Neben dem enormen Anstieg der Öl- und Gaspreise sind folgende geopolitische Risikofaktoren von zentraler Bedeutung (Details siehe www.braunkohle-forum.de): die starke Konzentration der globalen Öl- und Gasreserven im Mittleren Osten (62% bzw.34%) und in der „strategischen Ellipse“ des größeren Mittleren Ostens (70% bzw. 40%); die Steigerung des Weltenergieverbrauchs bis 2030 um bis zu 50%; die wachsende politische Instabilität vieler Produzentenländer mit entsprechend negativen Folgen für die globale Versorgungssicherheit; die zunehmende Abhängigkeit von „Nadelöhr“-Schifffahrtsrouten wie die Straße von Hormus im Persischen Golf, durch die schon heute ein Viertel des Weltöls transportiert wird; die Verschiebung des Machtgleichgewichts zwischen Produzenten und Konsumenten zugunsten der Energieexporteure und nicht zuletzt die Entstehung eines „Verkäufermarkts“ und „Ressourcennationalismus“ seit Ende der Neunzigerjahre.


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Aufgrund all dieser Risiken hat die Kohle eine globale Renaissance erlebt. Im fünften Jahr in Folge ist Kohle der fossile Brennstoff mit der weltweit höchsten Steigerungsrate im Verbrauch. Selbst bei einem wesentlich stärkeren Ausbau erneuerbarer Energien wird sie bis etwa 2030 der zweitwichtigste Energieträger der Welt bleiben. Da Kohle billiger ist als Öl und Gas und mit 150 Jahren deutlich länger verfügbar sein wird, ist eine Welt ohne diesen Rohstoff für die nächsten Generationen undenkbar. Weder die USA noch Russland und noch weniger China oder Indien können sich einen Kohleausstieg leisten. Bis zu vier Fünftel des weltweiten Anstiegs des Kohleverbrauchs werden auf diese beiden bevölkerungsreichsten Länder entfallen.

Durch die internationale Kohlenachfrage drohen die Probleme beim Kohleimport für Deutschland deutlich zuzunehmen. Dafür sprechen folgende Fakten: Trotz größerer Diversifizierung entfallen 74% der weltweiten Kohlevorräte lediglich auf die vier Länder China, Indien, Russland und USA. Die ersteren beiden sind bereits Nettoimporteure, die USA werden ihnen bis 2015 folgen. Dadurch wird sich das Machtgleichgewicht auf den internationalen Kohlemärkten vom atlantischen zum pazifischen Markt verschieben. Weltweit gibt es also riesige Kohlevorräte, doch die größten Produzentenstaaten sind nicht automatisch die größten Exporteure von Kohle. Ohnehin ist der globale Kohlehandel mit nur 15% des weltweiten Verbrauchs sehr klein. Die Importkonkurrenz für den EU-Markt, der mit 10% des Weltkohleverbrauchs schon heute nur ein kleiner Player ist, dürfte sich also massiv verschärfen.

Zahlreiche Prognosen zu den Kohlemärkten gehen zu sehr von tradierten Rahmenbedingungen aus, die ungeprüft in die Zukunft fortgeschrieben werden. Berücksichtigt man jedoch die oben aufgeführten geopolitischen Fakten, wird klar, dass ein Ausstieg aus dem heimischen Bodenschatz Braunkohle für Deutschland den Ausstieg aus einer nachhaltigen Energiesicherheit bedeuten würde – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Braunkohleanteil an der inländischen Stromerzeugung etwa 25% und an der Primärenergiegewinnung sogar rund 40% beträgt. Zugleich würde sich Deutschland aus einer gemeinsamen europäischen Energiepolitik verabschieden. Dies liefe auch der Notwendigkeit zuwider, eine gesamteuropäische Antwort auf die globalen geopolitischen Herausforderungen hinsichtlich Energiesicherheit und Klimawandel zu formulieren.

Fünf Fragen an Dr. Frank Umbach

Dr. Frank Umbach, in Diskussionen über geopolitische Risiken der Energieversorgungssicherheit wird viel von Erdöl und Gas geredet, aber fast nie über Kohle. Warum wird dieser Energieträger noch immer so wenig beachtet?

Historisch gesehen galt vor allem Erdöl immer als strategisches Gut, insbesondere in den USA, Asien, aber auch in den OPEC-Staaten selbst. Zwar ist die weltweite Abhängigkeit der Industrie vom Erdöl seit der Erdölkrise 1973/74 stark verringert worden, doch der globale Transportsektor und die weltweiten Streitkräfte sind bisher fast alternativlos vom Öl abhängig. Inzwischen betrachtet man jedoch auch Gas zunehmend als strategisches Handelsgut. Zum einen aufgrund der wachsenden Nachfrage für klimapolitisch sauberere Energieträger in Regionen, die sich dies finanziell leisten können, und zum anderen, weil Gas weitgehend – wie in Europa – noch immer über Pipelines eingeführt wird.

Die weltweiten Kohlereserven sind gegenüber Öl und Gas (62 % der Erdöl- und 34 % der Gasreserven befinden sich in der Region des Persischen Golfes) weitaus diversifizierter gestreut. Zudem werden sie mit rund 150 Jahren noch in größerem Maße vorhanden sein, während die konventionellen Erdöl- und Erdgasreserven (Reichweite 40 bzw. 60 Jahre) dann erschöpft sein werden. Da Kohle bisher nicht als strategisches Gut angesehen wurde, gab es auch keine vergleichbaren Risiken der Versorgungssicherheit. So ist bei dem deutschen Ausstieg aus der heimischen Steinkohlenförderung immer argumentiert worden, dass 1. die deutsche Steinkohlenförderung international nicht wettbewerbsfähig sei; und 2. aufgrund der weltweit breiter gestreuten Vorräte keine Importrisiken bestehen würden. Doch ist dies eine sehr oberflächliche Analyse, die neuere weltweite Trends entweder übersieht oder aber für die Zukunft marginalisiert. Insofern sind viele Szenarien und Prognosen, auf die sich die Wirtschaftsministerien vieler Staaten bis heute verlassen, in hohem Maße „apolitisch“.

Wie sind Sie auf diese Problematik aufmerksam geworden?

Zum einen müssen wir uns daran erinnern, dass niemand die Verfünffachung des weltweiten Ölpreises seit 2000 wirklich vorausgesehen hat. Dabei spielte ein übergroßes Vertrauen auf die marktwirtschaftliche Ausrichtung des globalen Erdölmarktes eine wesentliche Rolle. Angebot und Nachfrage, so dachte man, würden auch eine höhere Nachfrage kurzfristig befriedigen. Dabei wurde nicht nur der enorme Mehrbedarf von Asien (insbes. China) unterschätzt, sondern auch eine ganze Reihe politischer Faktoren (OPEC als Interessenkartell, politische Instabilität der Exportstaaten und weltweiter Ressourcennationalismus in Verbindung mit unzureichenden Investitionen sowohl in die Exploration als auch in den Raffinerie- und Transportbereich etc.).

Andererseits haben viele internationale Energieorganisationen (wie die IEA oder EIA in den USA oder die Europäische Kommission in Brüssel) und internationale Energieexperten außerhalb Europas weitgehend übereinstimmend seit Mitte der 90er-Jahre empfohlen, den jeweiligen nationalen Energiemix so breit wie möglich zu gestalten und keinen Energieträger von vornherein auszuschließen. Dies gilt mit Blick auf Deutschland sowohl für die Kernenergie als auch für die Kohle. Dieses Gebot der Risikostreuung für die Stärkung der Versorgungssicherheit glauben wir in Deutschland vernachlässigen zu können, obwohl die geopolitischen Risiken in der mittelfristigen Perspektive, bis 2030, größer sind als in der längerfristigen Perspektive, bis 2050, wenn die erneuerbaren Energien weltweit die fossilen Energieträger wesentlich stärker ersetzen können.

Ein anderes Beispiel lernte ich im Rahmen meiner Mitarbeit in einer der Arbeitsgruppen der BDI-Präsidialgruppe „Internationale Rohstofffragen“ kennen. So hat die deutsche Industrie Mitte der 90er- Jahre ihre weltweiten Anteile an internationalen Rohstoffminen zu einem großen Teil verkauft. Zu jener Zeit waren die internationalen Rohstoffpreise weitgehend im Keller und zahlreiche Investmentbanker und Ökonomen haben vor allem der mittelständischen Industrie geraten, ihre Anteile so schnell wie möglich zu verkaufen, weil sie ansonsten nur Verluste machen.

Damals haben sich nur wenige Experten mit der Frage beschäftigt, ob sich die seinerzeit aktuellen Rahmenbedingungen der globalen Rohstoffmärkte vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Aufstiegs Asiens mit seiner hohen Nachfrage nach Rohstoffen und der weltweiten Bevölkerungszunahme so ohne Weiteres auch in die Zukunft fortschreiben lassen. Die wenigen Analysen, die vor einem Verkauf warnten und schon mittelfristig mit einem globalen Rohstoffboom, Konzentrationsprozessen und Rohstoffprotektionismus in Form von gezielten handels- und wettbewerbsverzerrenden Eingriffen (wie etwa einer von China und seinen staatlichen Strategien forcierten Rückwärtsintegration, d. h. durch Beteiligungen an der Rohstoffförderung) rechneten, stellten eine Minderheitsmeinung dar. Auch hierbei spielte blindes Vertrauen auf die weltweite marktwirtschaftliche Ausrichtung einen entscheidenden Faktor. Strategisches Denken, was in Deutschland an den Universitäten ohnehin kaum gelehrt wird, spielte keine Rolle. Inzwischen wird dieser Ausstieg auch aus Sicht des BDI als eine strategische Fehlentscheidung gesehen, aus der wir lernen sollten. Allerdings ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die deutsche mittelständische Industrie auf den weltweiten Rohstoffmärkten den weitaus größeren Staatskonzernen aus China, Indien, Russland u.a. gegenüber kaum konkurrenzfähig oder in der Lage, derartige Anteile an Rohstoffminen wieder zu erwerben.

Sie erwarten eine Machtverschiebung auf den internationalen Kohlemärkten. Betrifft das vor allem die Steinkohle?

In der Tat erwarte ich eine Machtverschiebung auf den internationalen Kohlemärkten, die sich schon heute in den globalen energiepolitischen Entwicklungen widerspiegelt. Die Gründe hierfür habe ich in einer Tabelle zusammengestellt.

Mit anderen Worten: Dieses geopolitische Risiko ist ein starkes Argument dafür, auf die heimische Braunkohle zu setzen?

Ja. Auch hier habe ich die Gründe in einer Tabelle zusammengefasst.

Wie müsste die gesamteuropäische Antwort auf die globalen geopolitischen Herausforderungen hinsichtlich Energiesicherheit und Klimawandel lauten, die Sie in Ihrem Testimonial ansprechen?

Mit 55 % der globalen Reserven (davon 50 % Steinkohle) und rund 60 % der globalen Ressourcen an Energierohstoffen kommt die Welt an dem Energieträger Kohle nicht vorbei. Dies gilt umso mehr, als die Entwicklung und Anwendung neuer Explorationstechniken für Kohleressourcen, einschließlich neuer Untertagegewinnungstechnologien und beschleunigter Abbautechniken, weltweit (vor allem in den USA und China) forciert werden. Künftig könnte das „unterschätzte Multitalent“ Kohle (Deutsche-Bank-Studie vom Januar 2007) nicht nur in der Stromerzeugung, im Wärmemarkt, sondern auch im Verkehr als Ölsubstitut (Coal-to-Liquids/CTL) größere globale Bedeutung erlangen.
Bis 2030 stellt sich somit nur die Frage, ob die Welt dank innovativer Technologien saubere oder aber weiterhin klimaschädliche Kohle produzieren wird, und nicht, ob die Welt ohne Kohle auskommen kann. Einmal mehr verbindet sich der energiepolitische Provinzialismus in Deutschland mit einer energiepolitischen Realitätsflucht, die für die deutsche Energieversorgungssicherheit und den Wirtschaftsstandort Deutschland fatale Konsequenzen haben kann.

Angesichts der Tatsache, dass gegenwärtig in China pro Woche ein bis zwei neue Kohlekraftwerke ans Netz gehen, würde ein deutscher Kohleausstieg auf den weltweiten Klimawandel zudem absolut keine Auswirkungen haben, hingegen die nationale Energieversorgungssicherheit und auch die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit Deutschlands ernsthaft gefährden. Dies gilt vor allem, weil am Kernenergieausstieg wider besseres Wissen festgehalten wird, während gleichzeitig eine gemeinsame europäische Energiestrategie proklamiert wird, die mit großer Mehrheit der Auffassung fast aller Energieorganisationen und Experten folgt und sowohl an Kernenergie als auch an Kohle im Sinne eines breitestmöglichen Energiemix festhält. Wer ernsthaft eine gemeinsame europäische Energie- und Klimapolitik will und sie angesichts der globalen Herausforderungen für alternativlos hält, wird nationale Alleingänge in der Energiepolitik nicht länger legitimieren können, zumal sie energie- und außenpolitische Auswirkungen auf die Nachbarstaaten und die EU als Ganzes haben. In diesem Sinne steht mit einem Kohleausstieg auch weitaus mehr auf dem Spiel als eine isoliert zu betrachtende einzelne energiepolitische Entscheidung hinsichtlich eines einzigen Energieträgers.

Wer in Deutschland ernsthaft Klimaschutz betreiben will, kann nicht gleichzeitig gegen neue, effizientere und sauberere Kohlekraftwerke sein. In der Konsequenz bedeutet dies ineffizientere Kohlekraftwerke mit einem Wirkungsgrad von durchschnittlich 30 % statt derzeit möglicher 46 %, mit erheblich, um mehr als ein Drittel höheren CO2-Emissionen und noch stärker steigenden Strompreisen.

Bücher zum Thema (Auswahl)

Frank Umbach: Globale Energiesicherheit. Strategische Herausforderungen für die europäische und deutsche Außenpolitik.

Oldenbourg Verlag, München 2003.

Frank Umbach: Konflikt oder Kooperation in Asien-Pazifik? Chinas Einbindung in regionale Sicherheitsstrukturen und die Auswirkungen auf Europa.

Oldenbourg Verlag, München 2002.

Jürgen Petermann (Hrsg.): Sichere Energie im 21. Jahrhundert

2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Ausgabe, Hoffmann und Campe, Hamburg 2008.

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