Prof. Dr. Rüdiger Hamm

Prof. Dr. Rüdiger Hamm, Professor für Volkswirtschaftslehre an der HS Niederrhein

PROF. DR. RÜDIGER HAMM, PROFESSOR FÜR VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE, HS NIEDERRHEIN

Die Gewinnung und Nutzung der Braunkohle ist von großer regionalwirtschaftlicher Bedeutung. Dieser oft vernachlässigte Aspekt muss in die Diskussion über die Vor- und Nachteile des Kohlestandorts Deutschland mit einbezogen werden.

Ende des Jahres 2007 waren im Braunkohlenbergbau selbst, in den Braunkohlekraftwerken sowie in den Veredelungsbetrieben fast 23.000 Mitarbeiter beschäftigt. Man kann davon ausgehen, dass die Braunkohlegewinnung in Deutschland insgesamt mehr als 50.000 Menschen wettbewerbsfähige Arbeitsplätze sichert. Wie bedeutend die Auswirkungen des Braunkohlenbergbaus für die Wirtschaft einer einzelnen Region sein können, zeigt eine Studie, die unsere Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach zusammen mit dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen im Jahr 2000 verfasst hat. Diese Studie konzentrierte sich auf das Rheinische Revier, das in Deutschland größte Abbaugebiet für Braunkohle.

Unsere Analyse ging von einem damaligen Personalstand von rund 11.000 Mitarbeitern aus. Gemäß einer Befragung von Lieferanten des Braunkohlenbergbaus sicherten diese über verschiedene ökonomische Zusammenhänge im Revier zusätzlich 6.600 Arbeitsplätze, in einer weiter gefassten Braunkohleregion 10.400 und in ganz Nordrhein-Westfalen 17.000 Arbeitsplätze.

Der Wohlstand der Region liegt laut dieser Studie unter der Erde. Generiert wird er über unterschiedliche Wirkungskanäle. In erster Linie sind da die Einkommenszahlungen der Bergbaubetreiber zu nennen. Da die Beschäftigten ihre Gehälter mehrheitlich in ihrer Heimatregion ausgeben, stoßen sie regionalwirtschaftliche Kreislaufprozesse an, in deren Verlauf weitere Einkommens- und Beschäftigungseffekte auftreten, was man in der Ökonomie als „regionale Multiplikatoreffekte“ bezeichnet. Darüber hinaus sind die Kohle fördernden Bergbauunternehmen auf Maschinen und Anlagen sowie auf Vorleistungen wie z.B. Rohstoffe, Halbfabrikate oder Dienstleistungen angewiesen. Soweit die Ausgaben für Vorleistungen und Investitionen in die Region fließen, verstärken sie die regionalwirtschaftlichen Kreislaufeffekte.


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Einen großen Einfluss auf den regionalen Wohlstand hat auch die Verfügbarkeit von Bodenschätzen. Insbesondere für die Verarbeiter von Braunkohle, beispielsweise die Stromindustrie, gilt die Nähe der Braunkohlevorkommen als Standortargument, da der Transport von Rohstoffen ein Kostenfaktor ist. Die Energieverfügbarkeit wiederum ist für stromintensiv produzierende Unternehmen eine wichtige Standortvoraussetzung. Tatsächlich sind solche Wirtschaftszweige im Rheinischen Revier überdurchschnittlich stark vertreten. Zudem steht die Braunkohlewirtschaft aufgrund des Angebots konkurrierender Energieträger unter Innovationsdruck und stellt hohe Anforderungen an ihre Zulieferunternehmen. So gesehen kann sie ein Impulsgeber für technische Neuentwicklungen in der Region werden.

Überdies zwingen ökologische Probleme die Braunkohlewirtschaft, alternative Lösungsansätze zu finden und technologisch umzusetzen. Das begünstigt in der Region die Entwicklung von Verfahren zur Verringerung ökologischer Schäden. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang vor allem der CO2-Ausstoß, die Landschaftsinanspruchnahme sowie Grundwasserabsenkungen. Ferner hat der Braunkohlenbergbau Umsiedlungen zur Folge. Das ist für die betroffenen Menschen zwar im ersten Moment ein Schock, doch die von den Bergbaubetreibern angebotenen sozial verträglichen Lösungen sind bisher mehrheitlich gut angenommen worden. Und nach Beendigung der Kohlenförderung müssen die notwendigen Rekultivierungsmaßnahmen eingeleitet werden. Dies ist mit der Vergabe von Aufträgen an mittelständische Unter- nehmen aus der Forstwirtschaft oder dem Garten- und Landschaftsbau verbunden. Die dabei erworbenen Kenntnisse könnten dann auch zu Aufträgen aus anderen Kohleregionen führen.

Unsere Untersuchung belegt, wie die räumliche Nähe von Braunkohlenabbau und Stromerzeugung in einer Region wie dem Rheinischen Revier Arbeitsplätze und Wohlstand sichert. Neuere Studien der Prognos AG zeigen, dass dies auch für die Lausitzer Region und das Mitteldeutsche Revier gilt. Dieser ökonomische Aspekt der Braunkohlegewinnung ist zwar nur einer unter vielen, dennoch ist er in einem Entscheidungsprozess in Bezug auf die Zukunft der Kohle zu berücksichtigen – ein unerlässlicher Entscheidungsprozess mit vielen Facetten, an dem sich die ganze Gesellschaft beteiligen muss.

Sechs Fragen an Professor Hamm

Professor Rüdiger Hamm, Ihre im Testimonial erwähnte Studie stammt aus dem Jahr 2000. Gelten Ihre Schlussfolgerungen für die regionalwirtschaftlichen Auswirkungen der Kohlenutzung noch heute?

Wollte man dies wissenschaftlich exakt beantworten, so müsste man die in der Studie von Martin Wenke, Bernd Hillebrand, Karl-Heinz Storchmann und mir durchgeführten entsprechenden Berechnungen von vor acht Jahren nochmals durchführen. Da die grundsätzlichen ökonomischen Zusammenhänge, die die Basis derartiger Berechnungen sind, aber unverändert fortbestehen, kann man davon ausgehen, dass die Ergebnisse Bestand haben. Darauf weist auch eine neuere Studie der Prognos AG hin.

Sie führen in Ihrem Text einige „regionale Multiplikatoreffekte“ an. Wie misst man diese?

Der Kerngedanke ist immer derselbe: Es gibt einen Impuls – in unserem Beispiel sind dies die direkt im Braunkohlenbergbau beschäftigten Arbeitskräfte – und es gibt verschiedene Folgeeffekte in der Region, diese haben in unserem Fall z. B. etwas mit Einkommensverausgabung durch die Beschäftigten, mit Vorleistungs- und Investitionsgüternachfrage des Bergbau treibenden Unternehmens und mit der Weiterverarbeitung der Braunkohle zu tun. All diese Folgeeffekte sind im Prinzip „regionale Multiplikatoreffekte“. Man misst sie in Beschäftigtenzahlen, Einkommen oder Bruttowertschöpfung. Es gibt unterschiedliche Methoden, mit denen man die regionalen Multiplikatoreffekte abschätzen kann; alle Methoden basieren auf mehr oder weniger komplizierten Rechenmodellen.

Welcher dieser Effekte ist für eine Kohleregion aus ökonomischer Sicht der wichtigste?

Eigentlich ist es schwierig, diese Frage ohne ausführliche Erläuterungen zu beantworten. Ich will es – gemessen an Beschäftigungswirkungen – dennoch tun: Ich denke, die Wirkung der Weiterverarbeitung, sprich der Verstromung, ist am wichtigsten. Damit soll aber keiner der anderen Effekte den Stempel „Das ist ja nicht so wichtig!“ erhalten.

Umsiedlungen in Kohlerevieren sind für die betroffenen Menschen natürlich alles andere als angenehm. Haben Sie in Ihrer Studie auch Befragungen in Bezug auf die Akzeptanz vorgenommen?

Wir haben dies nicht in der Analyse aus dem Jahr 2000 getan. Wir haben lediglich in einer früheren Untersuchung aus dem Jahre 1997 einige Gespräche mit Betroffenen geführt. Der dadurch bei mir entstandene, mit Sicherheit nicht repräsentative Eindruck war: Keine Begeisterung bei den Betroffenen, aber zumindest weitgehende Zufriedenheit mit der Abwicklung.

Trotz aller Nachteile haben Umsiedlungen auch regionalökonomische Vorteile. Welche sind da zu nennen?

Um bei meiner Antwort auf gar keinen Fall missverstanden zu werden, möchte ich zunächst sagen, dass nach meiner Auffassung beim Thema „Umsiedlungen“ die sozialen Aspekte eindeutig im Vordergrund zu stehen haben. Eine Quantifizierung von positiven ökonomischen Effekten dieser Umsiedlungen wird deshalb der Gesamtproblematik überhaupt nicht gerecht und sie ist aus meiner Sicht höchst bedenklich. Dies vorweggeschickt, wirken Umsiedlungen wie ein regionales Konjunkturprogramm: Man schafft Wohngebäude und Infrastruktur neu, die an anderer Stelle abgerissen werden mussten, und dabei entstehen Einkommen und Wertschöpfung und es werden Arbeitsplätze gesichert. Aber noch einmal: Die sozialen Kosten von Umsiedlungen, deren Quantifizierung weit schwieriger ist, sind dabei aber nicht „gegengerechnet“ worden!

Sie lehren an einer Fachhochschule. Was unterscheidet solche Institutionen von Universitäten oder technischen Hochschulen?

Die Hochschule Niederrhein ist in der Tat eine der größeren deutschen Fachhochschulen. Nach dem, was gelegentlich aus der Politik zu hören ist, sind wir an den Fachhochschulen „gleichwertig, aber anders“. Dies bedeutet, dass an den Fachhochschulen – sicherlich immer theoriebasiert – stärker anwendungsorientiert ausgebildet und geforscht wird. Diese Unterschiede werden, was die Studiengänge anbelangt, auch mehr und mehr von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Hinsichtlich der Forschung haben wir an Fachhochschulen vielleicht noch ein generelles Wahrnehmungsdefizit: Man traut uns von allen Seiten weniger zu als den Universitäten – erkennbar nicht zuletzt an den personellen und sachlichen Voraussetzungen, die ich als Fachhochschulprofessor zum (anwendungsorientierten) Forschen vorfinde.

Links und Publikationen zum Thema