Prof. Dr. Christoph Hubig

Prof. Dr. Christoph Hubig, Direktor des Instituts für Philosophie an der Uni Stuttgart

Prof. Dr. Christoph Hubig, Direktor des Instituts für Philosophie an der Uni Stuttgart

In einer Zeit des Umbruchs und der Irritation ist ein Denken im Entweder-oder-Schema wenig hilfreich. Wir sollten auf das philosophische Prinzip der „provisorischen Moral“ zurückkommen. Ein Energiemix, in dem auch die Kohle ihren Platz hat, kann diesem Prinzip entsprechen.

Weltweit wird heftig darüber debattiert, wie die Energiesysteme gestaltet werden sollen. Das für die Planung der Zukunft erforderliche Wissen ist unsicher, und in etlichen Fragen besteht Uneinigkeit. So gibt es bei den prominenten Szenarien zum künftigen globalen Energiebedarf deutliche Unterschiede. Gleiches gilt für die Prognosen zur Reichweite klassischer Energieressourcen sowie für die Entwicklung der Technologien zur Wandlung, Speicherung und Nutzung von Energie aus regenerativen Quellen. Schließlich bestehen Kontroversen in der Frage um die Effizienz und Effektivität von künftigen Einspar- und Entsorgungstechnologien.

Zwar herrscht mehrheitlich Einigkeit, dass man die Gefahren des Klimawandels oder auch des Verlusts der Artenvielfalt mindern muss. An welchen Leitbildern wir unser Handeln jedoch orientieren sollen, ist umstritten und wird in den Diskussionen erstaunlich oft unter den Tisch gekehrt. Nur allgemein von „Nachhaltigkeit“ beim Umweltschutz zu reden, reicht nicht. Gegeneinander abzuwägen sind: der Erhalt endlicher Ressourcen, der Erhalt bestimmter Energiedienstleistungen wie Mobilität, Wärme, Beleuchtung und mechanische Arbeit sowie die Gerechtigkeit zwischen den Generationen im Hinblick auf die Ansprüche der Entwicklungsländer.

Angesichts solcher Herausforderungen empfiehlt sich die Erinnerung an einen Denkansatz aus dem frühen 17. Jahrhundert, einer Epoche, die in ähnlicher Weise als Umbruchzeit empfunden wurde. Als damals das vorherrschende Lehrsystem zusammenbrach, skizzierte der französische Philosoph René Descartes als Orientierungshilfe sein Prinzip der „provisorischen Moral“. Dieses Prinzip umfasst vier Regeln (siehe Infokasten). Zur Veranschaulichung erläuterte Descartes beispielsweise seine zweite Regel mit dem Unglück eines Menschen, der sich im Wald verirrt hat: Dieser soll seine eingeschlagene Gehrichtung beibehalten, da er sonst riskiert, die Waldgrenze nie zu erreichen.

Natürlich lassen sich solche Tipps nicht direkt auf unsere komplexe Energiesituation übertragen. Aber in einer modernen Interpretation bedeutet Descartes’ Empfehlung zum Beispiel, dass wir in unsicheren Zeiten nicht nur an kurzfristige Gewinne denken sollen. Zu berücksichtigen sind auch der Erhalt der Lebensbasis und der Arbeitsplätze oder die Versorgungssicherheit sowie die Bedingungen für einen möglichst weiten Spielraum für künftige Entscheidungen. Ersteres kann man als „Vermächtniswert“, Letzteres als „Optionswert“ bezeichnen.

Grafik

Optionswerte von zentraler Bedeutung sind die Energiedienstleistungen, von denen wir profitieren. Die Menge der verfügbaren Endenergie an sich ist hingegen kein Optionswert. Wenn man dies beachtet, erweitert sich der Suchraum für Lösungen erheblich. Denn Dienstleistungen können durch mannigfache, alternative oder ergänzende Lösungen erbracht werden: von baulichen Maßnahmen bis zur Änderung organisatorischer Abläufe, von der Kopplung von Dienstleistungen bis zum Einsatz alternativer Techniken mit gleicher Effektivität, aber besserer Effizienz.

So gesehen spricht in der heutigen Zeit des Umbruchs alles für die Fortführung eines Energiemix, freilich nur unter vier harten Bedingungen: Er darf einerseits nicht zu unbeweglichen Infrastrukturen mit hohen Amortisationslasten führen, andererseits bestehende Infrastrukturen wie Kohlenutzung oder Kernenergieforschung aber auch nicht grundlos aufgeben. Ferner darf der Energiemix keine Folgelasten zeitigen, mit denen wir nicht umgehen können; konkret heißt das für die Nutzung fossiler Brennstoffe, dass CO2-Abscheidung und -Deponierung in Senken forciert werden müssen. Viertens sollen die verschiedenen Energieformen einander nicht ausschließen, sondern sinnvoll ergänzen. Das können sie allerdings nur, wenn man die genannten Energiedienstleistungen berücksichtigt und nicht nur die „bloße“ Endenergie im Auge hat. Ein gutes Beispiel für eine optimale Zusammenführung der Energieformen in Deutschland ist die Kraft-Wärme-Kopplung in dicht besiedelten Gebieten auf der Basis von günstig gewinnbaren lokalen Ressourcen wie der Braunkohle.

Um auf Descartes zurückzukommen: Jedes Entweder-oder-Denken in der heutigen Energiediskussion rührt eigentlich daher, dass man an einer einzigen seiner ersten drei Regeln klebt und die vierte – die Forderung nach einem der konkreten Situation gemäßen Handeln – außer Acht lässt.

Aufgezeichnet nach einem Gespräch mit Prof. Dr. Christoph Hubig.

Acht Fragen an Professor Hubig

Professor Christoph Hubig, wie müssen wir uns die Zeit vorstellen, in der René Descartes lebte?

Das frühe 17. Jahrhundert wurde in Frankreich und einigen anderen Ländern des heutigen Europas von zwei Tendenzen charakterisiert. Zum einen brach das scholastisch geprägte metaphysische Lehrsystem zusammen, das sich in verschiedenste Zweige aufgespaltet und dadurch seine Orientierungskraft verloren hatte. Gleichzeitig entfalteten sich die Wissenschaften, denen Descartes sehr neugierig folgte und die er teilweise selbst vorantrieb. Er hat sich für fast alles interessiert, was mit der Natur zusammenhing, und machte auch in der Mathematik wichtige Entdeckungen. Er verspürte sozusagen den Aufbruch der neuzeitlichen Wissenschaft.

Das hat ihn als Philosophen veranlasst, nach neuen Begründungen zu suchen?

Ja. Die Zeit war hochdynamisch und zugleich orientierungslos, eine Phase, die auf sehr allgemeiner Ebene Ähnlichkeit mit unserer heutigen hat. Im theoretischen Bereich fand Descartes neue Fundamente für eine Wissenschaftsbegründung im berühmten Selbstzweifel oder im Nachweis eines rationalen Ich und so fort. Im praktischen Bereich dagegen konnte er keine solche Grundlage ausmachen, weil die weltanschaulichen Orientierungssysteme zerstört waren. Deshalb hat er seine sogenannte provisorische Moral und dazugehörige Handlungsregeln entwickelt. Sie ist in seinem eher populärwissenschaftlichen Werk „Discours de la méthode“ allerdings nur in Gestalt einer kleinen Skizze enthalten.

Wie interpretieren Sie als Fachphilosoph diese Regeln in einer modernen Terminologie?

Dass wir bei der Bewertung von Handlungsoptionen in unsicheren Zeiten nicht nur die direkten Gratifikationen berücksichtigen sollen, sondern auch und gerade den Erhalt der Bedingungen, die den Status der Menschen als entscheidungsfähige Subjekte gewährleisten. Diese Bedingungen gruppieren sich in zwei Kategorien. Zum einen in die sogenannten „Vermächtniswerte“ wie die Versorgung mit Grundgütern, der Erhalt der Sozialstrukturen oder die Bewahrung der erarbeiteten Wissensbasis. Die zweite Kategorie nennt man „Optionswerte“. Es sind Bedingungen, die einen möglichst weiten Spielraum für künftige Entscheidungen sichern und Sachzwänge minimieren. Im angelsächsischen Sprachraum nennt man das: „planning for diversity and choice“. Wie die Wirtschaftsforscher inzwischen klarlegten, machen diese Optionswerte auch in unserem alltäglichen Handeln etwa 40 % der Wertschätzung aus.

Was bedeutet diese Interpretation in Bezug auf unsere aktuelle Energiesituation?

Konkurrierende Gestaltungsoptionen der Energienutzung müssen untereinander danach gewichtet werden, inwieweit über die direkte Gratifikation hinaus die Gesichtspunkte der Vermächtnis- und der Optionswerte berücksichtigt sind. Hier ist insbesondere zu beachten, dass bei der Betrachtung des „Wertes“ bestimmter Optionen der Energienutzung nicht der verfügbaren End-Energiemenge per se ein Wert zukommt, sondern den Energiedienstleistungen, die durch sie realisierbar werden, also Beleuchtung, Wärme, Mobilität, Kommunikation, mechanischer Arbeit usw. Unter diesen Erwägungen spricht alles für die Fortführung eines Energiemix.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Kohle in diesem Energiemix?

Eine wichtige, wobei für mich der Energiemix generell eine provisorische, der Not geschuldete Lösung ist, keine nachhaltige. In diesem Energiemix spielt die Kohle eine wichtige Rolle, weil man auf ihrer Basis sehr gut bestimmte Dienstleistungen koppeln kann. Ein Beispiel dafür ist die Kraft-Wärme-Kopplung. Eine solche Kopplung ist dann ökologisch gesehen am günstigsten, wenn sie sich auf lokale fossile Ressourcen, also etwa in Deutschland auf die Braunkohle stützt. Erdöl ist zu kostbar, um es zu verheizen. Allerdings muss man klar sehen, dass solch eine Option verlangt, parallel zur Kohlenutzung auch die CO2-Abscheidung und -Deponierung zu forcieren.

Sehen Sie dieses von Ihnen favorisierte Leitbild zur Energienutzung in einer Linie mit der Entwicklung der menschlichen Kultur und Technik?

Ja. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit von Jägern und Sammlern zu Viehzüchtern und Ackerbauern in der neolithischen Revolution vor vielleicht mehr als 20.000 Jahren war nur durch eine Erweiterung des Gebrauchs von Technik möglich. In dem Moment, wo sie eine Weide einzäunen, sind sie nicht mehr darauf angewiesen, das Wild mit Pfeil und Bogen zu jagen. Und wenn sie einen Acker anlegen und ihn bewässern, müssen sie keine bloß auffindbaren Früchte sammeln. Hatte man vorher Technik allein steuernd eingesetzt, führte man im Neolithikum ein, was man fachtechnisch Regelung nennt. Die Menschheit hatte gelernt, Systeme zu schaffen, die ein instrumentelles Handeln „sichern“ und gegenüber möglichen Störungen der äußeren und unserer inneren Natur immunisieren bzw. diese Störungen kompensieren. Unsere Städte, unsere Infrastrukturen oder unsere Energiebereitstellung haben alle diesen Absicherungseffekt. Das ist das Spezifische menschlicher Technik.

Und diese Absicherung hat immer positive wie negative Seiten, analog zu den Widersprüchlichkeiten in den Regeln von Descartes?

Genau. Die Absicherung muss stattfinden, deshalb darf man den Energiemix nicht aufgeben. Aber, und das ist das große „Aber“, das ich erwähnte, man darf die Absicherung nicht ihrerseits so gestalten, dass zu hohe Amortisationslasten auftreten. Die mit dem Energiemix verbundenen Infrastrukturen müssen sich als provisorische verstehen. Was in der neolithischen Revolution durch die ersten Systeme der sogenannten Agrarkultur – von der sich übrigens unser Begriff „Kultur“ ableitet – intendiert war, sollten die komplexen Systeme unserer Hochtechnologien nicht falsch verstandenen ökonomischen Interessen opfern. Denn der Sinn jeglicher Ökonomie ist es, deren Basis zu erhalten.

Sie sagen im Testimonial, dass das Entweder-oder-Denken daher rührt, dass man die vierte Regel von Descartes nicht beachtet. Diese verlangt ja ein situationsadäquates, differenziertes Abwägen. Trifft jener Vorwurf auch auf die Ressentiments gegenüber modernen Technologien zu und im Speziellen auf die Ablehnung moderner Kohlekraftwerke?

Zunächst ist zu bemerken, dass in unserer Gesellschaft keineswegs generell Ressentiments gegenüber modernen Technologien bestehen. Bei der Beurteilung konkreter Technologielinien hingegen wird jedoch oftmals zu pauschal geurteilt („die“ Kernenergie, „die“ Kohlenutzung, „die“ regenerativen Energien etc.). Die von Descartes eingeforderte Urteilskraft muss sich sorgfältig und differenziert zum einen auf die situativen Möglichkeiten (Chancen und Risiken) beziehen, zum anderen genauso differenziert auf konkrete Linien der Energiebereitstellung im Bereich Kohle und der damit verbundenen Forschung. Gerade wenn man das Ziel langfristiger Nachhaltigkeit im Auge behalten will, müssen alle provisorischen Optionen und Potenziale berücksichtigt werden, die uns so weit entlasten, dass wir die notwendigen Strukturveränderungen sorgfältig angehen können und nicht unter neuen Krisendruck geraten. Ein „Entweder-oder“ mit Blick auf die Kohlenutzung verfehlt jenes Prinzip.

PDF Download