11.01.2011

Die Verletzbarkeit unserer Energieversorgung steigt

Ein Beitrag von Diplom-Ökonom Hans Georg Buttermann, EEFA Institut, Münster

Umfang und Bedeutung der Elektrizität im Energiemix wachsen stetig. Außer für Licht, Wärme und Kraft sorgt elektrischer Strom zunehmend auch für Mobilität. Strom ist Grundlage aller modernen Kommunikationstechnologien. Strom löst Primärenergieträger in der Produktion ab und sorgt für effiziente und wettbewerbsfähige Unternehmen. Strom ist damit Basis für jede moderne Volkswirtschaft. Die Deckung des Strombedarfs zählt zu den prioritären Aufgaben für Energiepolitik und Energiewirtschaft.

Die Stromerzeugung wird auf absehbare Zeit von der Notwendigkeit geprägt sein, fossile Brennstoffe einzusetzen. Erneuerbare Energien allein verfügen nicht über das Potenzial, den wachsenden Stromverbrauch verlässlich zu decken und für international wettbewerbsfähige Strompreise zu sorgen. Verfügbarer und bezahlbarer Strom ist nicht nur unter dem Aspekt der Ökonomieverträglichkeit bedeutsam. Marktgerechte Strompreise fördern die Wettbewerbsfähigkeit energiesparender Stromanwendungen. Die verbrauchsmindernden Effekte der sinkenden gesamtwirtschaftlichen Energieintensität verringern zudem die Risiken für die Versorgungssicherheit eines auf hohe Energieimporte angewiesenen Wirtschaftsstandortes wie Deutschland.

Der deutsche Kraftwerkspark ist seit einer Reihe von Jahren durch eine anhaltende Verschiebung der Erzeugungsstruktur in Richtung Erdgas gekennzeichnet. Diese Strukturveränderung wird bestimmt durch die Kosten für den in der EU seit 2005 erlaubnispflichtigen Ausstoß von Kohlendioxid. Die CO2-Kosten der Stromerzeugung weichen je nach Brennstoff erheblich voneinander ab. Technologien und Brennstoffe, die für einen niedrigen CO2-Ausstoß je Kilowattstunde Strom sorgen, bestimmen derzeit die Investitionsentscheidungen vieler Stromerzeuger. Ein steigender Anteil des Erdgases in der Stromerzeugung sorgt jedoch mittel- und langfristig für höhere Strompreise und belastet damit die Wettbewerbsfähigkeit innovativer, effizienzsteigernder Stromanwendungen. Schon heute ist Erdgas teurer als andere fossile Brennstoffe. Als Importenergie ist Erdgas bei steigender Nachfrage zudem sehr preiselastisch. Hinzu kommt, dass der verstärkte Einsatz von Erdgas in der Stromerzeugung die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten und damit die gesamte Importabhängigkeit des Landes weiter erhöht.

Die Energieversorgungssicherheit in Deutschland hat sich seit Ende der 1970er Jahre spürbar verschlechtert. Zwischen 1990 und 2007 ist das Risiko einer Energiekrise für Deutschland um 100 Prozent gestiegen. Grund hierfür ist die stetig wachsende Abhängigkeit von Energieimporten. Bezogen auf den Primärenergieverbrauch stieg der Beitrag ausländischer Energiequellen seit 1990 um 13,6 Prozentpunkte auf mehr als 70 Prozent. Dabei hat sich nicht nur die Energieimportabhängigkeit besorgniserregend erhöht, es wird auch immer mehr Energie aus Regionen mit hoher geopolitischer Risikoeinstufung bezogen.

Eine Studie, die das EEFA Institut 2010 im Auftrag des Weltenergierats erstellt hat, zeigt, dass Faktoren wie eine gut ausgebaute Energieinfrastruktur, ein hoher Stand der Technik bei der Energieeffizienz, aber auch ein robustes Wirtschaftswachstum die Auswirkungen potenzieller Energiekrisen für den Endverbraucher dämpfen können. Dennoch ist die Versorgungsunsicherheit auch auf der Ebene des Endenergieverbrauchs in Deutschland in der Vergangenheit um 18 Prozent angestiegen.

Bei Fortschreibung der bisherigen Energiepolitik bis 2030 ist trotz des massiven Ausbaus der Nutzung erneuerbarer Energiequellen mit einem weiteren Anstieg der Risiken für die Versorgungssicherheit zu rechnen. Bezogen auf das Jahr 1990 steigt der Verletzbarkeitswert vermutlich um 47 Prozent.

Bedeutung der heimischen Ressourcen steigt

Energierohstoffe stehen am Beginn verzweigter Wertschöpfungsketten. Das gilt gerade in Deutschland, wo die industrielle Produktion einen hohen Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung hat. Allein deshalb bedürfen steigende Risiken in Bezug auf die Energieversorgung sorgfältiger Beobachtung. Auch in Zeiten wachsender Globalisierung stellt die sichere und preiswürdige Versorgung mit Energie eine unabdingbare Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit, für langfristige Wachstumschancen und Beschäftigung, aber auch für die weitere Steigerung der Energieeffizienz einer Volkswirtschaft dar.

Die faktische Abhängigkeit von Energieimporten eines Landes sowie die aus der Verfassung des Weltmarktes abzuleitenden Schwankungen der Energiepreise müssen nicht zwingend zu einem ungebremsten Anstieg Versorgungsrisiken ühren. Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, die Sicherheit der Energieversorgung mithilfe ausgewogener energie- und umweltpolitischer Weichenstellungen auf der nationalen Ebene zu erhöhen.

Die 2010 beschlossene Verlängerung der Laufzeiten für bestehende Kernkraftwerke in Deutschland um durchschnittlich 12 Jahre ist eine solche Maßnahme. Aufgrund mehrjähriger Reichweiten der vorgehaltenen Brennstoffvorräte kann die Kernenergie als quasi heimische Energiequelle eingestuft werden. Ihre Nutzungsverlängerung vermindert die Abhängigkeit von Energieeinfuhren – im Wesentlichen von Steinkohle und Erdgas – und wirkt sich dämpfend auf die Entwicklung der Preise für CO2-Emissionsrechte und Strom aus. Der reduzierte Kosten- und Preisanstieg sowie die Investitionen in die Kraftwerksnachrüstungen wirken sich zudem positiv auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum und den Arbeitsmarkt aus.

Um den weiteren Anstieg von Risiken für die Versorgungssicherheit nachhaltig zu dämpfen, sollte eine möglichst breite Kombination energiepolitischer Maßnahmen zum Einsatz kommen. Einen wesentlichen Hebel zur Verringerung der Verletzbarkeit aufgrund von Energiekrisen bietet die umfassende Nutzung der Braunkohle. Braunkohle deckt derzeit 11 Prozent des Primärenergieverbrauchs und ist mit ihrem hohen Anteil an der jährlichen Gesamtgewinnung, rund 40 Prozent, der mit Abstand wichtigste heimische Energieträger.

Das Verletzbarkeitsrisiko für die Energieversorgung liegt bei der deutschen Braunkohle aufgrund des fehlenden Importrisikos praktisch bei null. Die energiewirtschaftliche und die energiepolitische Bedeutung der Braunkohle ist mit Blick auf die in Deutschland lagernden Vorräte unstrittig: Auf 41 Milliarden Tonnen belaufen sich die technisch-wirtschaftlich gewinnbaren Braunkohlevorräte. Das entspricht einem Energieäquivalent von knapp 62 Milliarden Fass (Barrel) Rohöl und damit etwa dem Doppelten der Jahres-Weltölförderung.

Mit der in der deutschen Braunkohle gebundenen Energiemenge ließe sich bei Einsatz der heute installierten Kraftwerkstechnik mit einem durchschnittlichen Anlagenwirkungsgrad von 38 Prozent eine Brutto-Stromerzeugung von 38.200 TWh realisieren. Zukünftige Verbesserungen des Wirkungsgrades durch Retrofit-Maßnahmen im Anlagenbestand sowie der Neubau von Braunkohlekraftwerken mit Wirkungsgraden bis nahe 50 Prozent können die genannte Strommenge spürbar erhöhen. Im breiter werdenden Energiemix ist Braunkohle auf längere Sicht die einzige heimische Ressource, die das Potenzial aufweist, die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern und jederzeit eine zuverlässige und preiswürdige Versorgung mit Strom zu garantieren. Versorgungssicherheit und Braunkohlenutzung müssen keineswegs im Widerspruch zum Klimaschutz stehen. Als CO2-Minderungsoption bietet sich – in Kombination mit der kontinuierlichen Erhöhung der Brennstoffausnutzung – nicht nur die Kohlendioxid-Abscheidung, sondern auch die Mitverbrennung von Biomasse an.

Vor diesem Hintergrund wäre der Verzicht auf die heimische Braunkohle nicht nur wirtschaftspolitisch naiv, er stünde auch dem Ziel entgegen, die vorhandenen Effizienzpotenziale zu heben, und erhöhte damit die Verletzbarkeit unseres Versorgungssystems im Falle von Energiekrisen. Ein vollständiger Verzicht auf die Stromerzeugung aus Braunkohle und die damit einhergehende Ausweitung der Stromerzeugung auf Basis von Import-Erdgas hätten unter Berücksichtigung von Wirkungsgraddifferenzen der betrachteten Kraftwerkstypen eine Erhöhung des Risikos für die Sicherheit der Primärenergieversorgung um 72 Prozent zur Folge. Bezogen auf die Endenergieverbrauch würde das Versorgungsrisiko um 60 Prozent zunehmen.

Aktueller Expertenbeitrag

von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

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