14.07.2010

Ein Industriestandort kann nicht auf Kohle verzichten

Ein Beitrag von Ulf Gehrckens, Senior Vice President Corporate Energy Affairs der Aurubis AG, Hamburg

Die unbefriedigenden Ergebnisse der jüngsten internatio-nalen Klimaschutzkonferenzen haben die internationale Wettbewerbssituation für die energieintensive Industrie in Deutschland und Europa wesentlich verschärft. Die EU bleibt bis auf Weiteres der einzige Wirtschaftsraum mit einem Handelssystem für CO2-Emissionen. Grundprinzip der Zuteilung von Emissionszertifikaten ist die kostenpflichtige Versteigerung und Folge dieses Prinzips ist eine Steigerung der Produktionskosten. Wettbewerber außerhalb der EU können diesen Kostenvorteil nutzen und die Produktion von Gütern an sich ziehen. Das Risiko der Verlagerung von Produktion, Emission, Wertschöpfung und Tausenden Arbeitsplätzen ist gravierend. Die EU hat alle besonders betroffenen Branchen ermittelt. Kupfer, Aluminium und die meisten anderen Nichteisen(NE)-Metalle sollen vollständig von den direkten und indirekten CO2-Kosten entlastet werden, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

Dabei muss es bleiben: Kupfer wird an der Londoner Metallbörse (LME) weltweit gehandelt. Regional erhöhte Zusatzkosten können nicht weiter gegeben werden, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Durch hohe Investitionen und große Anstrengungen produziert Aurubis in seinen Werken bereits heute mit besonders hoher Energieeffizienz. Diese Vorleistungen für den Klimaschutz müssen belohnt und dürfen nicht durch eine unvollständige Kompensation der indirekten CO2-Kosten bestraft werden.

Dasselbe gilt für unsere hohe Recyclingquote. Die Wiederverwertung von Altmetallen ist per se Umweltschutz und muss deswegen von CO2-Kosten vollständig entlastet werden. Andernfalls werden Recyclingaktivitäten in Europa zum Erliegen kommen und diese wichtige „Rohstoffquelle“ wird versiegen. Ohne Kompensation würden sich die Energiekosten für Aurubis ab 2013 bei einem angenommenen Zertifikatspreis von 30 Euro pro Tonne um 45 Prozent erhöhen.

Auch die aktuellen Sparpläne der Bundesregierung, welche die sinnvollen Befreiungen der energieintensiven Industrie von der Stromsteuer angreifen, verkehren die Idee des Gesetzes in ihr Gegenteil: Statt ein Level playing field zu schaffen, wird die deutsche Industrie durch einseitige Belastungen aus dem internationalen Wettbewerb gedrängt. Die Zusatzkosten für CO2 und Stromsteuer wären für unseren Konzern nicht verkraftbar und möglicherweise das Aus für die Kupferproduktion in Deutschland.

Aurubis hat sich eine sogenannte Kraftwerksscheibe am Kohlekraftwerk Moorburg in Hamburg gesichert. Darüber hinaus setzen wir uns für einen breiten Energiemix in der Stromerzeugung ein. Neben einer verlängerten Laufzeit von Kernkraftwerken ist auch die Stellung der Braun- und Steinkohle als heimische und versorgungssichere Primärenergieträger nicht hoch genug einzuschätzen. Von allen nicht-nuklearen Energieträgern hat Braunkohle unverändert die günstigsten Stromerzeugungskosten. Als Industriestrandort können wir es uns nicht leisten, auf die Kohle und ihre Vorteile zu verzichten.

Das kann für die energieintensive Industrie nicht deutlich genug herausgestellt werden. Wir beobachten mit großer Skepsis Vorstöße, die Kohle grosso modo in die Ecke von Subventionsempfängern zu rücken.

Zwar taucht der Energieträger Braunkohle in keinem Subventionsbericht auf. Trotzdem, so die Argumentation, werde Braunkohle öffentlich alimentiert, weil auf dem heimischen Rohstoff keine Förderabgabe liegt. Wie ein Industriestandort neben den steigenden Belastungen durch EEG-Gesetz und CO2-Reglement auch noch solche Abgaben verkraften soll, bleibt indessen das Geheimnis der Kohlegegner. Für Aurubis und die gesamte energieintensive Industrie sind solche Überlegungen gefährlich. Wir können über den in Deutschland ohnehin schon hohen staatlichen Anteil an den Energiekosten hinaus keine zusätzlichen Belastungen verkraften.

Aurubis produziert mit 4.800 Mitarbeitern in sieben Ländern pro Jahr eine Million Tonnen Kupferkathoden und daraus diverse Kupferprodukte und ist damit Marktführer in Europa. Ein Drittel der Produktion wird aus Altkupfer und anderen Recyclingmaterialien gewonnen. Aurubis ist damit weltweit der größte Kupfer-Recycler. Erträge werden in unserer Branche durch Entgelte für das Schmelzen der Rohstoffe und deren Verarbeitung zu Produkten erzielt.

Metallpreise beeinflussen zwar den Umsatz stark, haben allerdings nur geringe Auswirkungen auf die Erträge. Anders die Energiekosten, die 30 Prozent unserer Gesamtkosten ausmachen. Weiter wachsende ökologische Steuerlasten auf unseren Strombedarf sind zudem umweltpolitisch äußerst fragwürdig, da wir bereits heute fast ein Drittel unseres Strombezugs für Umweltschutzzwecke einsetzen.

Aktueller Expertenbeitrag

von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

Seit Jahren erweitert Deutschland den regenerativen Anteil an der Stromerzeugung.  mehr >>

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