19.04.2010

Erhöhung der Rohstoff- und Energiepreise bedroht Industrie

Ein Beitrag von Dr. Jost A. Massenberg, Vorstand der ThyssenKrupp Steel Europe AG, Duisburg

Stahl ist die Basis für die industrielle Produktion in Deutschland. Schlüsselbranchen wie die Automobilindustrie, der Maschinenbau und die Elektrotechnik sind auf den Werkstoff Stahl angewiesen. Stahl ist ohne Qualitätsverlust vollständig recyclebar und damit der ökologische Werkstoff schlechthin. Ohne den Einsatz von Rohstoffen wie Eisenerz und auch Kohle ist eine ausreichende Stahlproduktion nicht möglich. Deutschland verfügt nicht über nutzbare eigene Eisenerzvorkommen und ist damit zu 100 Prozent von Importen abhängig.

Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie hängt ganz wesentlich von der Entwicklung der Rohstoff- und Energiepreise ab. Daher stellen die im Frühjahr 2010 für Eisenerz angekündigten Preissteigerungen um teilweise mehr als 100 Prozent ein unmittelbares Risiko für den Industriestandort Deutschland dar, zumal die drei marktbeherrschenden Erzproduzenten Vale, Rio Tinto und BHP Billiton einen Marktanteil von rund 70 Prozent erreichen. Für diese Preisforderungen gibt es keinen erkennbaren wirtschaftlichen Hintergrund.

Die deutsche Industrie erlebte 2009 den tiefsten Einbruch in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Automobilindustrie und der Maschinenbau verzeichneten Produktionseinbrüche um bis zu 25 Prozent. Seit einigen Monaten zeichnet sich eine Stabilisierung der Industrieproduktion auf niedrigem Niveau ab. Ein selbsttragender Aufschwung ist allerdings noch nicht in Sicht – das Rückschlagspotenzial ist nach wie vor hoch.

In dieser fragilen gesamtwirtschaftlichen Situation wollen die drei marktbeherrschenden Erzproduzenten die Verträge mit den Stahlunternehmen umstellen, von Jahres- auf Quartalsverträge. Da die Spotpreise deutlich über den Jahresdurchschnittspreisen liegen, ist durch diese Umstellung mit Preissteigerungen um teilweise mehr als 100 Prozent zu rechnen. Pro Tonne Stahl ergäbe sich eine Preiserhöhung um 20 bis 30 Prozent. Außerdem werden die Preisschwankungen deutlich zunehmen. Bereits eine Preissteigerung um 10 Prozent bei Eisenerz und Kokskohle bedeutet für die Stahlunternehmen zusätzliche Belastungen – jährlich mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Der Anteil der Rohstoff- und Energiekosten beträgt bei der Stahlproduktion gegenwärtig etwa 70 Prozent und ist aufgrund der Marktgegebenheiten kaum beeinflussbar. Dagegen liegt der Anteil der Lohnkosten lediglich bei etwa 12 Prozent. Hier zeigt sich, dass die Stahlunternehmen praktisch keine Möglichkeit haben, die durch die marktbeherrschende Stellung der Rohstoffunternehmen bedingten Kosten zu kompensieren. Im Ergebnis würde diese extreme Verteuerung des Basiswerkstoffs Stahl mehr als ein Drittel der Industrieumsätze direkt oder indirekt betreffen und damit jeden dritten Industriearbeitsplatz in Deutschland. Letztendlich ist damit zu rechnen, dass die Kosten bis zum Endverbraucher weitergereicht werden. Dies würde in der gegenwärtig ohnehin kritischen gesamtwirtschaftlichen Situation die Binnennachfrage weiter belasten.

Wie bei metallischen Rohstoffen ist Deutschland auch bei Energie in hohem Maße von Einfuhren abhängig. Zur Erzeugung des für die Industrie notwendigen Grundlaststroms steht aus heimischen Ressourcen zu wirtschaftlichen Konditionen nur die Braunkohle zur Verfügung. Die notwendige Minderung des CO2-Ausstoßes der Braunkohlekraftwerke ist dabei in erster Linie ein Kostenfaktor und kein technisches Problem. Das Bemühen, schädliche Emissionen zu reduzieren, gilt indessen nicht nur für die Energieerzeugung, sondern zieht sich durch alle industriellen Prozesse. Auch die Stahlindustrie hatte sich schon frühzeitig auf Minderungsziele festgelegt. Eine von der Industrie initiierte Boston-Consulting-Studie kommt zu dem Schluss, dass allein schon durch den Einsatz moderner Stähle in der Kraftwerkstechnik oder in Fahrzeugen zusätzliche CO2-Einsparmöglichkeiten in Höhe von 74 Millionen Tonnen bestehen. Ein Drittel des von der Bundesregierung anvisierten Ziels einer 40-prozentigen Minderung der Treibhausgasemissionen ließe sich danach allein durch den Einsatz von innovativen Stählen realisieren. Das größte Potenzial bietet dabei die Erneuerung fossiler Kraftwerke, in erster Linie Steinkohle- und Braunkohleanlagen.

Aktueller Expertenbeitrag

von Werner Sturbeck, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Düsseldorf

Seit Jahren erweitert Deutschland den regenerativen Anteil an der Stromerzeugung.  mehr >>

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