Prof. Dr. Dr. h. c. Ulrich Blum

Mit einem Forschungs- und Entwicklungskonzept für „nachhaltige Energien“ könnten die neuen Bundesländer wirtschaftlich aufblühen. In diesem Konzept hätten auch fossile Rohstoffe wie die Braunkohle ihren festen Platz.

Die Wirtschaft der fünf neuen Bundesländer wächst und erweist sich in der aktuellen Krise als etwas robuster als die der alten. Dennoch konnte der Rückstand bisher kaum verringert werden. Das liegt nicht allein an den Folgen der deutschen Vereinigung, als die Sozial-, Wirtschafts- und Währungsunion ausgestaltet worden ist und die Treuhand Betriebe privatisierte. Mitverantwortlich für den stockenden Aufholprozess sind auch weiter zurückliegende wirtschaftsgeschichtliche Aspekte wie die Vertreibung, Abwanderung oder Ermordung von Eliten, die bereits in den Dreißigerjahren begann und sich nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Bau der Mauer fortsetzte, oder die Enteignung des industriellen Mittelstandes in der DDR der Siebzigerjahre.

Heute leiden die neuen Länder erneut unter der Abwanderung – nicht zuletzt, weil der Einkommensunterschied zwischen Ost und West beharrlich bei etwa 30 % liegt, was auch auf ein Defizit an Konzernzentralen zurückgeht. Besonders in Mitteldeutschland mit seiner hohen Innovationsdichte und der alten Industrietradition ist der Wille groß, wieder aufzuholen. Immerhin gehörten etwa Chemnitz und Zwickau bis zum Zweiten Weltkrieg zu den reichsten Orten der Welt, wie die imposanten Jugendstilhäuser noch immer zeigen. Mitteldeutsche Chemiestandorte, die auch den Rohstoff Braunkohle nutzten, besaßen eine internationale Positionierung. Das fehlt heute vor allem bei Großbetrieben, die ja meist als „verlängerte Werkbänke“ zu betrachten sind.

Was ist zu tun, um in den neuen Ländern die Wachstums- und Wohlstandsbremsen zu lösen? Wie lassen sich vorhandene Leuchttürme wie etwa die Unternehmen der Braunkohleindustrie in wettbewerbsfähige Strukturen ein-binden, damit die Region ihre Zukunft wieder verstärkt aus eigener Kraft gestalten kann? Als Vorbild mag der Raum Süddeutschland dienen, der in den Sechzigerjahren vehement den Fahrzeugbau, die Luft- und Raumfahrt sowie die Elektrotechnik ausbaute und zur Grundlage einer langen Wertschöpfungskette machte. Dort sind viele Konzernzentralen international sichtbar und starke Treiber des regionalen Wohlstands sowie der regionalen Selbstbestimmung. Süddeutschland ist ein schönes Beispiel dafür, wie Wirtschaftsräume aufblühen, wenn sie auf konvergente Technologien setzen. Denn ineinandergreifende Kompetenzen aus vielen, zum Teil sehr unterschiedlichen Bereichen sind ökonomisch weniger angreifbar.

Im Sinne dieser Konvergenz liegt die große Chance für mehr Wohlstand in den neuen Ländern im hochaktuellen Technologiepfad der „nachhaltigen Energien“. Durch die Ansiedlung verschiedenster Industrien, die Aufwertung von Hochschulen und anderen Forschungsinstitutionen ist jetzt schon erkennbar, wie aussichtsreich die Region in den boomenden Bereichen Windenergie, Solartechnik oder Biomasse aufgestellt ist. Es gilt nun lediglich, diese Bereiche unter dem Oberbegriff „nachhaltige Energien“ zu bündeln und in ein Gesamtenergiekonzept einzufügen. Dann könnten die Sachsen durchaus die Schwaben der Zukunft werden.


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In einem Gesamtenergiekonzept darf der Begriff „Nachhaltigkeit“ allerdings nicht auf die sogenannten erneuerbaren Energien eingeschränkt werden. Nachhaltigkeit ist gekennzeichnet durch einen Mix verschiedenster Energieträger, in dem zumindest in den kommenden Jahrzehnten auch fossile wie die Braunkohle ihren festen Platz haben. Diese sichert die Grundlast in der Stromerzeugung zu wettbewerbsfähigen Konditionen, ihr Preis ist keinen Schwankungen ausgesetzt wie der von Erdöl und Gas, und sie kann auch wieder Grundlage einer Braunkohlenchemie werden.

Nimmt man nun die Klimaproblematik genauso ernst wie das Konzept der nachhaltigen Energien, folgt daraus zwingend, dass die Technologien zur Abtrennung und Lagerung von CO2 (CCS) entwickelt und eingeführt werden müssen. Ein Cluster der Innovation für CCS würde bestens in den Technologiepfad passen, zumal in Schwarze Pumpe und Ketzin erste Pilotanlagen schon stehen. Diesen Cluster zu etablieren erfordert dringend entsprechende Rahmengesetze. Nicht die Beseitigung des industriellen Kerns Braunkohleindustrie wäre ein Beitrag zur Belebung der Wirtschaftsstruktur in den neuen Ländern, sondern deren Pflege. Wissenschaft und Unternehmen müssen der Bevölkerung die Gewissheit vermitteln, dass eine sichere CO2-Lagerung möglich ist.


Fünf Fragen an Professor Ulrich Blum

Professor Ulrich Blum, um den wirtschaftlichen Aufschwung in den neuen Bundesländern voranzubringen, plädieren Sie für ein Entwicklungskonzept „nachhaltige Energien“. Ist die Ende 2008 lancierte Initiative „Innovative Braunkohlen Integration“ (IBI) ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung?

Richtig, aber er reicht bei Weitem nicht aus, weil vor allem die Frage der CO2-Endlagerung als viel wichtiger erscheint als die der Abtrennung von CO2. Denn hier sind Ängste der Bevölkerung zu überwinden, die bekanntlich seinerzeit aufgrund eines schlechten Marketings bei der Atomenergie und der Endlagerung sowie infolge eines schwierigen Umgangs mit Pannen dazu geführt haben, diesem Energieträger nachhaltig die Akzeptanz zu entziehen. Offensichtlich hatte man die Ängste der Bevölkerung unterschätzt. Damit sich das jetzt nicht wiederholt, braucht es auf allen Ebenen professionelle Öffentlichkeitsarbeit.

Welche anderen konkreten Bemühungen gibt es in den neuen Ländern, dieses Entwicklungskonzept umzusetzen?

In einem ersten Schritt müsste die Braunkohle als der Energieträger, der pro Energieeinheit die höchste Emission an Kohlendioxid aufweist, aus dem Geruch der Umweltunverträglichkeit herausgeführt werden, indem man deutlich macht, welche Technologien dafür verfügbar sind und unter welchen Bedingungen sie angewendet werden können. Das ist eine allgemeinpolitische Aufgabe, aber auch eine forschungspolitische. Hier sind neue Initiativen angesagt. Darüber hinaus ergibt sich aus der Braunkohletechnologie ein ungeheures Potenzial zur Weiterentwicklung für andere Länder. Bedenken wir bitte, dass wir in Deutschland seinerzeit bei einer Vielzahl von Rauchgasentschwefelungs- und
-entstickungstechnologien führend waren, mit denen wir auch unsere Exporte ankurbeln konnten.

Mitteldeutschland gehörte einst zu den reichsten Regionen der Welt. Wie kam das?

Zunächst waren es Entscheidungen von singulären Regenten, wie beispielsweise Otto der Reiche aus Freiberg in Sachsen, die den dort unternehmerisch tätig werdenden Menschen Steuerfreiheit gewährten. Außerdem sind besonders die Sachsen und Thüringer „Tüftler“. Sie besitzen also eine für viele Deutsche typische Eigenschaft, die in den südlicheren Regionen besonders intensiv anzutreffen ist. Und schließlich gab es ein Milieu hoch qualifizierter Mitarbeiter, die die Basis für die Umsetzung der Ideen darstellten. Nicht umsonst zählten die Regionen zwischen Jena und Chemnitz vor dem II. Weltkrieg zu den reichsten der Welt – und wiesen ein Einkommensniveau auf, das jenseits dessen lag, was die DDR in ihren Spitzenzeiten, nämlich in den frühen 70er-Jahren, erzielte.

Worin bestand der Beitrag der Kohlechemie für die Blüte der Region?

Der mitteldeutsche Raum war für die Chemieindustrie zunächst kein interessanter Standort der ersten Wahl, weil dort wenig Wasser zur Verfügung stand – ein zentrales Element erfolgreicher chemischer Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Insofern wird die Chemie in Mitteldeutschland auch gerne als „Trockenchemie“ bezeichnet. Dieses Problem zu beherrschen und daraus schließlich technologische Potenziale zu entwickeln, von der Kautschuk- bis zur Treibstoffsynthese, zählt zu den herausragenden Ingenieurleistungen der Region.

Was kann man tun, damit die Braunkohle als wichtiger Teil des Konzepts „nachhaltige Energien“ von der Bevölkerung auch akzeptiert wird?

Ich nehme noch einmal Bezug auf das, was ich oben gesagt habe: Vertrauensbildung in Bezug auf die Qualität und die Verlässlichkeit der Technologie ist wichtig. Es reicht wahrscheinlich nicht aus, sich langfristig nur mit Konzepten für die Endlagerung von CO2 durch Verpressung in unterirdische Lager auseinanderzusetzen. Die Ingenieurleistung ist zu mehr fähig, möglicherweise auch zur soliden Bindung von Kohlendioxid. Die Natur gab uns für so viele Dinge ein Vorbild – warum nicht auch hier!